Nr.3/07
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Ausstieg
«Ich habe einfach nur Liebe gesucht»
Marco I. war 15 Jahre lang Freier und geriet in den Sog von Abhängigkeit, Geldnot und Alkohol. Er schaffte den Ausstieg. Heute wagt er den Blick zurück und voraus.
Aufgezeichnet von Peter Oertle
Ich habe während fünfzehn Jahren regelmässig Prostituierte aufgesucht. Ich konsumierte viele Arten von Sex und es war mir nicht so wichtig, mit wem ich es zu tun hatte, sondern einfach, dass ich meine Sexualität leben konnte.
Meine Erziehung war stark religiös geprägt. Sex vor der Ehe oder Selbstbefriedigung galten als verwerflich. Meine Eltern, die in eine religiöse Gemeinschaft eingebunden waren, unternahmen alles, damit ich zu einem «lieben» Bub erzogen wurde. Weihnachten war jeweils noch in weiter Ferne und doch «durfte» ich schon für jede gute Tat einen Strohhalm in die Krippe des Jesuskindes legen, damit es dann bei der Geburt auch schön weich zu liegen kam. War ich oft «böse», musste es wegen mir auf einer harten Unterlage liegen. Ich spüre noch heute die Atmosphäre, die mich als Kind umgab. Keine ausgesprochenen Drohungen, keine Schläge, alle waren lieb, nett und rücksichtsvoll. Meine Mutter war im Kirchenchor und mein Vater im Schulrat. Meine Streiche wurden nie gleich bewertet wie die der andern Kinder. «Von dir, Marco, hätte ich das am wenigsten erwartet», höre ich noch heute den Lehrer, nach einer kollektiven Missetat, sagen. Mein Vater war immer ganz traurig, wenn ich etwas gegen seinen Willen getan hatte. Damit war etwas in der Luft, das mich unter Druck setzte. Ich wollte ihn nicht traurig machen, daher gab ich mir Mühe, alles richtig zu machen. Heimlich kannte ich aber meine Phantasien und Wünsche. Schuldgefühle gehörten daher zur Tagesordnung. Ich begann ein Doppelleben zu leben. Ich glaube, eigentlich war ich einfach überfordert von den Anforderungen die an mich gestellt wurden. Ich habe nie bewusst rebelliert. Auch später nicht, später war ich einfach oft zutiefst resigniert.
Sex und schlechtes Gewissen
Mein sexuelles Erwachen hat unter der Bettdecke stattgefunden ich wurde bei meiner Selbstbefriedigung ein paarmal erwischt und zur Rede gestellt. Meine Eltern bezeichneten es bald einmal als «frieren»: du musst nicht wieder frieren, haben sie mich jeweils gemahnt.
Bezeichnenderweise fanden mein erster Pornokinobesuch und mein erster Besuch im Puff beide nach einem Treffen mit der religiösen Gemeinschaft statt. Sex und schlechtes Gewissen waren von Anfang an untrennbar miteinander verbunden. Ich hatte Angst, meine Chancen bei den Frauen auf einem andern Weg als bei Prostituierten zu testen. War ich überhaupt liebenswert? Wer gab mir eine Bestätigung oder Antwort auf diese Fragen?
Der Besuch im Puff, bei den Prostituierten wurde bald zur Gewohnheit. Ich war ungefähr dreiundzwanzig Jahre alt. Ich bezahlte für den Sex und so konnte ich mir all die Liebe oder vielleicht besser, all die Bestätigung kaufen, die ich mir wünschte.
Mit einigen der Prostituierten begann ich eine Beziehung. Der Übergang fand fliessend statt. Plötzlich merkte ich, wie sie eine Art von Besitzanspruch anmeldeten. Ging ich zu einer andern, weil diese gerade besetzt oder sonst nicht verfügbar war, und das sickerte irgendwie zu «meiner» Prostituierten, gab es Zoff. Diese Eifersuchtsdramen schmeichelten mir: Sie war für mich da und wollte mich.
Vor meinen Freunden konnte ich nie zu diesen Beziehungen stehen. Irgendwann kam von den Frauen der Wunsch, dass sie meine Familie, meine Freunde kennen lernen wollten. Sie wollten sich mit mir auch am Tag zeigen. Ich schämte mich für sie aber auch für mein Denken. Es war so zwiespältig: Einerseits war ich mit wenig zufrieden, war glücklich, dass sie mich einfach so in ihre Arme nahmen und anderseits konnte ich nicht wirklich zu ihnen stehen, weil sie keine «weisse Weste» hatten. Mir war klar, dass meine eigene Weste auch nicht weiss war und das machte die ganze Situation noch schamvoller.
Jenseits der Grenzen
Gleichzeitig war ich fixiert auf diese Frauen. Unsere Sexualität wurde, je vertrauter die Beziehung, desto ausgefallener. Sie war praktisch rund um die Uhr verfügbar. Es gab in mir kein Genug. Ich überschritt immer neue Grenzen. Sie verhalfen mir dazu, indem ich sie, mit meinen ausgefallenen sexuellen Bedürfnissen, befriedigen konnte. Dazu war meine Unersättlichkeit ihnen lieb. Meine Wünsche wurden erfüllt und sie waren legitim! Ich fühlte mich mächtig, weil ich Erfolg hatte. Es brauchte keine langen Anwärmphasen, Zärtlichkeiten und schöne Worte schnell zur Sache kommen können war befreiend. Ich musste nur so lange bleiben, wie abgemacht, und musste keine weiteren Verpflichtungen eingehen.
Wenn ich dann aber zusätzlich sie noch zum Geniessen brachte, ich ihnen Lust bereitete, ihr es besorgen konnte - schwebte ich im siebten Himmel. Zeit überziehen können, sie beim Verabschieden nochmals ins Bett bringen, war ein Highlight. Das war öfters der Fall bei einem bestimmten Typ von Frauen. Diese liessen sich viel besser verführen. Sie gaben sich mir besser hin. Sie bewegten sich so lustvoll, zeigten mir ihre Lust bei ihnen fühlte ich mich speziell gut, besser gesagt, potent. Ich habe mich oft gefragt, ob diese Frauen von ihrer Natur aus einen freieren Zugang zu ihrer Sexualität haben oder einfach besser «spielen»? Ich bevorzugte sie klar als Freier.
Der Kick
Ich gehe in einen fremden Raum, ich habe keine Ahnung, was mich erwartet. Ich treffe dabei auf eine erotische, anziehende Frau. Angst und Erregung das war, was ich suchte.
Ich spielte mit meinem Leben. Oft hatte ich ungeschützten Sex. Wie viele Male habe ich die AIDS-Hilfe angerufen und nachgefragt, wie hoch die Ansteckungsgefahr bei oraler Befriedigung sei? Ein wenig Menstruationsblut, irgendwo eine kleine Schürfung bei mir und die Risikostufe war dunkelrot. Angst und Erregung Intensität pur. War ich mit ihr zusammen, war mir beides bewusst: Die Erregung, jetzt Sex um jeden Preis zu wollen, und die Angst vor AIDS. Das machte den Kick, ich suchte diese Art von Kick. Ich war süchtig danach.
Meine Kräfte reichten bald nicht mehr aus. Eine Nachbarsfrau, welche bei uns auch Hausabwartin war, sagte mir Jahre später, dass ich oft sehr übermüdet und erschöpft ausgesehen habe und sie sich des öftern Sorgen um mich gemacht habe. Das war mir nicht bewusst.
Zur Luststeigerung begann ich irgendwann einmal harte Drogen zum Sex zu konsumieren. Mit Alkohol gut gespült fühlte sich der Zustand geil an. Ich konnte zwar meistens nachher nicht mehr wirklich in die Frauen eindringen, das heisst ich bekam «ihn» nicht mehr hoch, aber das tat nichts zur Sache. Hauptsache, die Lust steigerte sich ins Grenzenlose. Meine Vorstellungskraft überstieg die Wirklichkeit bei weitem und setzte Akzente, die mich beflügelten. Meine Allmachtsphantasien liessen all die Unfreundlichkeiten eines Tages vergessen. Ich war gerettet.
Abstiege
Ich bezeichne es heute auch als Ausstieg aus der Hölle. Mein bescheidenes Einkommen reichte bald nicht mehr für diese Art von Bedürfnisbefriedigung. Ich machte Schulden einmal sogar bei meinen Eltern. Immer mal geriet ich in Engpässe, mein Doppelleben war in Gefahr oder wurde für mich zur Tortur. Die Notlügen bekamen dünnere und kürzere Beine. Der Stress überdeckte immer mehr die Lust auf noch mehr. Mir wurde, je besser ich das Milieu kennen lernte, desto bewusster, wie stark Sex und Bindung miteinander verbunden sind. Anfänglich ging ich oft nur einmal zu derselben Prostituierten, um die Angst vor der Bindung zu besänftigen. Einmal verliess ich sogar für mehrere Monate fluchtartig meine Wohnung, weil ich einer blonden Brasilianerin, der ich mich auf Leben und Tod ausgeliefert fühlte, unmöglich widerstehen konnte. Dies, obwohl ich mit ihr ein Wochenende völlig untergetaucht war und mein Bruder mich deswegen zu Hause, beim Arbeitgeber und bei der Polizei verzweifelt suchte. Wenn sie mich anrief und das tat sie über viele Jahre hinweg in den unerwartetsten Momenten wurde ich weich wie ein Käse und all meine Vorsätze verflossen wie Neujahrsresolutionen.
Ich konnte mein risikoreiches Leben, mit dem russischen Roulette vergleichbar, immer weniger aus der Realität verbannen. Ich konnte mein Lustgefühl nicht mehr steigern. Ich braucht Sex, Koks, Alkohol und das ganze Drum und Dran nur noch, um nicht auf den «Aff» (Entzug) zu kommen. Ich wurde zum total abhängigen Freier. Diese Einsicht war bitter. In meiner Vorstellung wünschte ich mir Millionen, um die ganze «Langstrasse» zu kaufen und Tag und Nacht durchzuvögeln, bis ich genug hatte für den Rest meines Lebens. Ich sehnte mich nach Ruhe. Der Crash begann mit dem Alkohol. «Er» hatte mich im Griff, ich war machtlos.
Nicht mehr Gott
Nach langer Weigerung suchte ich Hilfe und fand sie unter anderem in Selbsthilfegruppen. Geborgenheit bei Gleichgesinnten, das war wohltuend. Ich war nicht allein mit dieser Erfahrung. Mir wurde langsam der Preis bewusst, den ich wirklich bezahlt habe. Die sicher weit über hunderttausend Franken waren für mich viel Geld, aber verschmerzbar. Mich total ausgeliefert und abhängig zu erleben, keine Kontrolle mehr über mein Tun und Lassen zu haben, war weit schlimmer. Mir wurde bewusst, dass ich mich selbst pausenlos verleugnet und nur noch in der Vorstellung gelebt habe. Mein Selbstwert lag tief im Keller. Mein soziales Umfeld war aufgelöst. Ich bin während den Jahren kaum mehr gesellschaftlichen Verpflichtungen nachgekommen, war im Sportclub nur noch auf dem Papier anwesend. Ich habe mich in meinem Umfeld voll ins Abseits manövriert. Das war eine harte Lektion, eine Welt brach zusammen, als ich mir mein süchtiges Verhalten eingestehen musste. Die Wahrheit war erdrückend, die Realität ernüchternd.
Finanziell war ich drei Jahre nach meinen Freiergängen bereits wieder schuldenfrei, hatte meine Wohnung neu eingerichtet und konnte wieder jährlich ins Ausland in die Ferien gehen. Auf der materiellen Ebene war das ein gewichtiger Meilenschritt. Auf der psychischen Ebene kaue ich noch heute herum und sehe dieses Kauen je länger je mehr auch als eine immerwährende Entwicklungsmöglichkeit. Dafür bin ich meiner Zeit im Milieu dankbar.
Lange Zeit war eine zentrale Frage: «Wie komme ich wieder zu einer ‚weissen Weste’?» Die religiöse Gemeinschaft war es definitiv nicht mehr, ich begann mich von ihr zu lösen. Ich möchte weiter ein «guter» Mensch sein und habe klar meine Vorbilder dafür. Ich habe meine Bedürfnisse nach Geborgenheit, nach Frieden, nach «in-Ruhe-gelassen-werden» und ich erlebe mich sehr widersprüchlich mit Wut, Ängsten, inneren Vorwürfen, pornographischen Phantasien. Ich finde das Leben immer mal wieder unerträglich, stressig und sinnlos. Im Unterschied zu früher habe ich heute manchmal das Gefühl, dass ich ein ganz normaler Bürger bin. Endlich bin ich immer öfter hier auf Erden anwesend. Ich lebe seit vier Jahren in einer Beziehung mit einer Frau und bin sehr glücklich, wenn ich Sexualität und Bindung zusammen erleben darf. Meine anfängliche Angst vor Impotenz, weil ich mich nicht mehr so schnell errege, ist einem Vertrauen gewichen, dass es gut ist, wie es ist und dass «allzeit bereit» nur ein Mythos ist. Es funktioniert nicht immer! Ich habe es nicht immer im Griff. Und ich habe auch mein Leben nicht wirklich im Griff nur die Abhängigkeit, wie ich sie heute erlebe, ist anderer Natur. Sie gehört für mich zu meinem Menschsein, macht mich liebenswert und unterscheidet mich von Gott.
Marco I. ist 47 Jahre alt und arbeitet als Heilpädagoge. Seit 4 Jahren lebt er in einer verbindlichen Partnerschaft.
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