Nr. 3/04
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Männer bereichern das Leben
Aus der Biologie des Mannes lassen sich zwei Phänomene ableiten. Beide repräsentieren «Reichtum», der dem Mann innewohnt. Peter Oertle inszeniert ein Schauspiel in zwei Akten. Beide haben mit Sex zu tun.
von Peter Oertle
1. Akt
Mann entsteht durch das Zufallsprinzip, nichts ist sicher, alles ist jederzeit möglich, ein Kampf auf Leben und Tod.
Wenn Männer (im Geheimen?) oft oder immer öfter an das «Eine» denken, so macht das vermutlich Sinn mindestens können wir ihm einen Sinn geben und das will ich jetzt tun. Auch wenn sie immer daran denken und auch wenn sie immer, wenn sie daran denken, auch könnten und mit genügend lebendigen und gesunden Spermien ausgerüstet sind, ist es noch lange nicht gesagt, dass ein Mann das Männliche zu zeugen vermag.
Das männliche Dasein beginnt mit einer Art «Urknall» einem Orgasmus, begleitet von einem Samenerguss. Wenn mann sich in den weiblichen Schoss entlädt, beginnt für ca. 500 Millionen Spermien die Odyssee durch das weibliche Labyrinth. Dieser Parcours kommt einem «russischen Roulette» gleich. Diese unvorstellbare Zahl von Spermien jagen sich und wetteifern miteinander. Alle haben sie ein und dasselbe Ziel das gut verborgene, wohl behütete Ei in der Gebärmutter zu pene-trieren, um damit sein eigenes (Über)Leben und das des Eis zu sichern. Ein stress-voller Weg voller Gefahren. Der Tod hängt wie ein Damoklesschwert über jedem Einzelnen von ihnen. Vom unfreundlichen bis feindlichen Milieu in der Scheide über die engen, mit Sekret gefüllten Gänge des Gebärmutterhalses, müssen die Spermien meistens an den weissen Blutkörperchen den schweren Waffen des Immunabwehr-systems der Frau vorbei. Es werden immer weniger, die Hindernisse immer gefahrenvoller. Wer überlebt hat und sich weiter vorwärts bewegt kommt zum Eileiter. Die Wände des Eileiters sind voll von Flimmerhärchen. Es ist ein fast aussichtsloser, kräfteraubender Kampf gegen den Strom hin zur Gebärmutter.
Dann ein erster Blick auf das Objekt der Begierde, dem Ei, und damit verbunden eine reale Hoffnung, zu überleben. Wie ein Planet im Sonnensystem, umgeben von der Corona radiata, dem Strahlenkranz von Nahrungszellen, schwebt die Eizelle in ihrem Weltraum. In einem Endkampf um das Ei bohren sich ca. 10 Spermien mit dem Kopf in die Eihaut. Im besten Fall wird ein einziges Sperma es schaffen alle Andern werden ausgeschieden, müssen unverrichteter Dinge sterben. (Sogar bei den Olympischen Spielen stehen die ersten drei auf dem Podest und werden geehrt!) Zum Einen muss es also ein heldenhaftes Sperma geben, das mit dem Tod um die Wette rannte und ihm entkam. Zum Andern muss dieses eine Sperma das entsprech-ende Y-Chromosom in sich tragen, damit ein Mann entstehen kann. Doch der «Hindernislauf» ist noch lange nicht fertig.
Elisabeth Badinter, Professorin für Philosophie in Paris, hat in ihrem Buch: «Die Identität des Mannes» eindrücklich und wissenschaftlich recherchiert beschrieben, wie die Entwicklung eines «XY-Embryos» (männlich) vielschichtiger und daher um einiges «zufälliger» verläuft, als die eines «XX-Embryos» (weiblich). Durch die Differenzierung des 23. Chromosomenpaars wird beim Menschen das Geschlecht festgelegt. Das heisst, dass das Geschlecht des Kindes durch den Chromosomentyp der Samenzelle, die das Ei befruchtet, bestimmt wird. Die Samenzelle, die ein X-Chromosom trägt, ergibt einen weiblichen Embryo (XX), die Samenzelle, die ein Y-Chromosom trägt, einen männlichen (XY). In allen bis heute bekannten und untersuchten Chromosomenanomalien hat die Natur noch keinen Menschen hervorgebracht, der mit einem oder mehreren Y und keinem X ausgestattet ist. Man(n) kann also davon ausgehen, dass das X-Chromosom grundlegend das Mensch-Sein symbolisiert. Das männliche XY besitzt alle beim weiblichen XX vorhandenen Gene und erbt «nur» noch zusätzlich die Gene des Y-Chromosoms. Man(n) könnte also sagen, dass Mann eine Frau plus noch etwas Zusätzliches ist.
In den ersten Wochen der Schwangerschaft sind beide Embryonen anatomisch identisch. Sie sind mit allem ausgestattet (sexuell bipotenziell). Die Differenzierung beginnt für den männlichen Embryo bereits um den vierzigsten Tag der Schwanger-schaft herum, während sie beim weiblichen erst nach dem zweiten Monat einsetzt. Es macht den Anschein, als müsste sich der männliche Embryo um überhaupt existent zu werden mit Vorsprung auf die Piste begeben, um gegen das Weibliche anzukämpfen, sich durchzusetzen. Man(n) könnte es als Ungeduld oder auch als Überlebenstrieb des Y-Chromosoms betrachten, möglichst schnell den Maskulin-isierungsprozess einzuleiten, um der weiblichen Grundprogrammierung etwas entgegen zu setzen als einen Versuch, das Rennen im Vorfeld für sich ent-scheiden zu können. (Für den weiblichen Embryo wäre jede Form von frühzeitigem Stress vergeudete Energie.)
Man(n) wird also nicht als Mann geboren, sondern zum Mann gemacht! Mann ist aufgefordert und das von den ersten Tagen an zu «machen», sich durchzu-setzen, sich zu behaupten. Es braucht eine gute Portion Glück, Durchhaltevermögen und eine Art Kampfesgeist, wenn ein Mann entstehen soll. Doch auch wenn dieser erste Angriff eines «Y's» auf das weibliche Grundprogramm glücklich verläuft, folgen darauf mehrere Einzelschritte, wovon jeder einzelne Schritt vom Gelingen des vorhergegangenen abhängig ist.
Mann werden ist nicht nur ein Kampf auf Leben und Tod, sondern auch noch mit dem Prinzip des Zufalls verhängt. Es ist ein Glücksfall, wenn das «XY-Embryo» den Kampf gewinnt und (s)eine Existenz sichert. Jedes Straucheln auf dem Weg zum «Männlichen» kann zur Falle werden und sofort wird das «Weibliche» das Leben an sich reissen. Sowohl beim Menschen wie auch bei allen Säugetieren ist das zugrunde liegende Geschlecht weiblich. Das heisst, das embryonale Grundpro-gramm ist darauf angelegt, weibliche Wesen hervorzubringen. Welch glücklicher Umstand, dass es uns Männer überhaupt gibt. Mann hat eben Seltenheitswert und bereichert das Leben auf dem Planeten. Für mich ist jemand «reich», der viel hat, wovon es nur wenig gibt. Dementsprechend wertvoll ist, was selten vorkommt.
2. Akt
Es ist ja nichts Neues, wenn Männer und die natürlicherweise dazu gehörige «Männlichkeit» den unmöglichsten Diffamierungen ausgesetzt werden. Neueren Datums ist schon eher, wie oben festgestellt, dass Männer das Leben bereichern. Meine Behauptung geht noch einen Schritt weiter: Ohne Männer wäre das Leben eintönig und einfältig.
Stellen sie sich vor, die Natur leistet sich den «Luxus», ein Geschlecht in die Welt
zu setzen, welches nur als Samenspender dient, ohne selber Nachkommen zu produzieren. «Just for fun»? Wohl kaum. Irgendetwas mehr muss doch dran sein.
Um mir jedoch ein Leben ohne Männer vorzustellen, muss ich einen ziemlichen Spagat machen weil ich unter anderem auch nicht existieren würde. Doch wagen wir das Gedankenspiel und stellen uns vor, es ginge uns Männern so wie den ameri-kanischen Renneidechsen. Laut einem Bericht im Tages-Anzeiger vom
25. September 1998 ist es einigen Arten der kleinen Echsen gelungen, ihre Männchen loszuwerden. Die übrig gebliebenen Weibchen vermehren sich, indem sie unbe-fruchtete Eier legen, aus denen ausschliesslich Töchter schlüpfen. Diese sind identische Kopien ihrer Mutter. Die herrenlose Fortpflanzungsweise der Echsen
hat deutliche Vorteile, betonen die Wissenschaftler. Einerseits fallen die zeit- und kräfteraubenden Brunst- und Imponierkämpfe aus. Anderseits kann jedes Mitglied der Art (statt nur jedes Zweite) Nachwuchs in die Welt setzen. Evolutionsbiologen zählen mehr als 1000 Arten von Eidechsen bis zu Pflanzen die lieber auf Männ-lichkeit verzichten. Sie haben ernste Probleme mit der Erklärung, warum solch rein weibliche Fortpflanzung (Parthenogenese*) nicht der Normalfall ist.
| * Parthenogenese = «Jungfrauengeburt» (aus dem Griechischen parthenos = Jungfrau, genesis = Ursprung, Entstehung, Werden. Biologisch: Die Fähigkeit weiblicher Pflanzen, Tiere und Menschen, sich ohne Beteiligung eines anderen Geschlechts, aus sich selbst heraus, fortzupflanzen. |
Krankes Sperma
Wissenschafter behaupten, dass überall im Tierreich die Männchen verweiblichen, verzwittern, gar nicht erst geboren werden oder vorzeitig sterben. Einige von diesen Wissenschaftlern finden sogar bedrohliche Parallelen bei den Menschen. Die Spermienzahl der Männer soll bedenklich abnehmen. Der Durchschnittseuropäer produziere heute nur noch halb soviel Spermien wie1940 und die gesundheitliche Brauchbarkeitsgrenze des Spermas für künstliche Befruchtungen werde laufend heruntergesetzt. Der Gesundheitszustand von Sperma, welches noch vor wenigen Jahren als völlig unzulänglich gegolten habe, werde inzwischen akzeptiert.
Ist nun ein Lebensraum relativ eintönig, stabil und nicht allzu dicht besiedelt bringt die asexuelle Vermehrung also fast nur Vorteile. Wenn sich aber die Individuen einer Art zu ähnlich sind, was bei der parthenogenetischen Vermehrung der Fall ist, ist es für Parasiten ein leichtes, sich in kurzer Zeit auf die Art einzustellen. Ein gutes Beispiel dafür liefert der Borkenkäfer in einer Fichten-Monokultur. In einer Umwelt, die sich ständig ändert oder übervölkert ist was bei uns der Fall ist hat die sexuelle Vermehrung ihre Vorteile. Dazu braucht es Männer! Die Frage drängt sich auf, ob die Natur den Mann und damit auch den Sex als Antwort auf Krankheiten erfunden hat?
Ich zitiere aus einem Artikel von Daniel Bächtold (Tages-Anzeiger vom
24. Dezember 2002): «Warum Sex erfolgreich ist, weiss niemand so genau», meint Paul Schmid-Hempel von der Gruppe Ökologie und Evolution an der ETH dazu. «Sicher sei lediglich, dass der Vorteil der sexuellen Vermehrung mit der Neuver-teilung der genetischen Information zu tun habe. In jeder Körperzelle eines sich sexuell fortpflanzenden Organismus hat es einen mütterlichen und einen väterlichen Chromosomensatz. Mit den Samen- und Eizellen gibt er aber nur einen einfachen Chromosomensatz an seine Nachkommen weiter: Bei der Produktion der Gameten werden in der so genannten Reifeteilung die Anzahl der Chromosomen halbiert. Mütterliche und väterliche Chromosomen legen sich dabei erst aneinander, brechen auf und tauschen ihre Gene untereinander aus. Durch diesen Vorgang entstehen Chromosomen, die sowohl mütterliche als auch väterliche Gene enthalten. Anschliessend werden die Chromosomen zufällig auf die Spermien oder Eier verteilt.»
Der Vielfalt in einer sexuellen Vermehrung sind keine Grenzen gesetzt ein «Spiel ohne Grenzen». Das macht vielleicht Sex auf einer ganz unbewussten Ebene so attraktiv und gibt dem verblichenen Spruch «Typisch Maa, luegt jedem Rock naa» einen neuen Glanz. Die sexuelle Vermehrung und die damit verbundene Durch-mischung der Gene erlaubt somit generell eine flexiblere Anpassung. Nachteilige Gene können heraus filtriert und gute ungeniert miteinander kombiniert werden. Darin liegt meiner Meinung nach eine Genialität oder auch der Reichtum des Mannes begraben.
Erst durch den Mann kann Einzigartigkeit und damit auch Überraschung ent-stehen. Und es braucht immer wieder den Mann, um diese Wundertüte des Lebens weiter in Gang zu halten. Heraklit hat das in seinem bekannten Satz eingefangen: «Mann kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen» oder noch kürzer: «Alles fliesst.»
Leben ist ständig in Bewegung, und Mann bringt es in Bewegung ein Umstand der sich bereits oder auch im Vater-Dasein zeigt. Die GEO-Nummer 1/2001 wurde diesem Thema gewidmet: «Was Vatersein so besonders macht». Ich bin selber nicht Vater, bin aber mit einem Vater aufgewachsen, der da war, wenn wir ihn brauchten. Durch diesen Artikel wurde mir noch einmal klar, dass die Verantwortlichkeit der Väter in einer Anteilnahme und Präsenz liegt, die vielleicht an der effektiven Zeit gemessen viel kürzer ist, als die der Mutter sie aber eine nicht zu unterschätzende Aufgabe wahrnehmen, indem sie «Bewegung» ins Leben eines Kindes bringen. Ich zitiere: «Ihr Spiel, zum Beispiel, bringt Überraschungen, Unvor-hersehbares und diese Art von Herausforderung treibt das Wohl des Kindes voran. In neun von zehn Fällen lassen sich Väter etwas Ungewöhnliches einfallen, wenn sie ihr Kind auf den Arm nehmen, überraschen es mit neuen Varianten. (Im Vergleich dazu bevorzugen Mütter zu 90% denselben Griff.)»
Mit dem Spiel der Väter macht das Kind Fortschritte im Sinne von voranschreiten, weiter gehen. Da der Vater dem Kind «unbekannter» ist als die durch Schwanger-schaft und Stillzeit vertraute Mutter, kann er für das Kind als «Mittler zum Unbe-kannten» dienen. Er verlässt das Bekannte in Richtung Unvertrautem (aus den Augen des Kindes) und taucht wieder auf. Hier kann ein «guter Vater» für das Kind zu einer «Brücke» in die unbekannte Welt werden und mit dem Zurückkommen Vertrauen schenken: Mein Vater hat es überstanden und findet den Weg wieder zurück ich werde das auch schaffen! Ganz im Sinne des Sprichwortes: «Es hat keinen Sinn, Kinder zu erziehen sie machen einem doch alles nach».
Väter muten ihren Kindern mehr zu als Mütter. Ich zitiere: «Sie gehen im Durch-schnitt mit mehr Körpereinsatz auf die Kinder zu und wecken dabei bei den
Kindern andere Stimulationszyklen. Die Dynamik, die Väter vorgeben ist rasanter, dramatischer, mit kühnerem Wechsel zwischen Ruhe und Aufregung. Sie erfinden oft Spiele, die Anstrengung nicht scheuen, setzen weniger häufig Spielzeuge ein dafür häufiger sich selbst. Es scheint, dass Kinder beim väterlichen Spiel wichtige Lektionen puncto Selbstkontrolle lernen, gerade weil die Spiele dramatisch und fordernd sind, eine Art Drahtseilakt über kindliches Neuland. So erfahren Kinder ihre Möglichkeiten und auch ihre Grenzen, was massgeblich ihr Weltverständnis formt. Dadurch werden sie fit für die Anforderungen, die die Umwelt bald einmal an sie stellen wird.»
Wie weit ist mann sich bewusst, dass mann für Bewegung und Vielfalt für diese Art von natürlichem Reichtum verantwortlich ist? Wenn nicht, könnte es einem so ergehen, wie die Kurzgeschichte erzählt:
«Wunsch nach Reichtum
Ein Mann wollte reich werden und jeden Tag ging er in den Tempel, um zu Gott zu beten; Er möge ihm diesen Wunsch erfüllen. Eines Tages, im Winter, kam er vom Gebet zurück und sah eine Geldbörse im Eis auf der Strasse liegen. Sogleich dachte er, sein Wunsch sei in Erfüllung gegangen und er urinierte auf das Portemonnaie, um es aus dem Eis zu lösen
Da erwachte er und lag in seinem durchnässten Bett
!»
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