Nr. 3/03
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Mehr Bodenhaftung für Luftibusse
Mütter heben Männer ab
Alle Männer sind und bleiben Mutters Söhne, manche sind und bleiben Muttersöhne. Peter Oertle (männer:art) begibt sich auf die Spur des «ewigen Jünglings» als Prototypen des Muttersohns und überquert den Grat zwischen Bodenlosigkeit und Genialität.
«Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein.
Alle Ängste, alle Sorgen, sagt man,
Blieben darunter verborgen und dann
Würde, was uns gross und wichtig erscheint,
Plötzlich nichtig und klein.» (Reinhard Mey)
Die Worte von Reinhard Mey’s bekannt(est)em Lied treffen mitten in den seelischen Kern von einem Typ Mann, der bei uns in der sogenannt zivilisierten Welt gut bis sehr gut vertreten ist. «Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein.» Seine Sehnsucht richtet sich «über» das Irdische hinaus. Er sehnt sich danach, alles Belastende zurück zulassen. Es lockt ihn die Weite, eine grenzenlose Freiheit und er sucht seine Grenzen dort, wo der «Normalsterbliche» sie nicht mehr sieht. Eine spannende Entwicklung, die aus meinem Blickwinkel die Wurzeln in uns bekannten Familiengeschichten hat.
Dem jungen Mann, der nicht werden will wie sein Vater (vgl. Artikel in der letzten Ausgabe von männer.be: «Nur ja nicht werden wie Vater», S. 22-25, oder unten stehendes Kästchen), bleibt anfänglich gar nichts anderes übrig, als bei seiner Mutter nachzufragen. Erstens ist die Mutter meistens mehr zu Hause als der Vater. Zweitens hat sie sicher eine klare Vorstellung, wie ein Mann (der Vater) idealerweise sein müsste. Drittens hat sie dem heranwachsenden Jüngling auch schon lange (verbal oder nonverbal) durchgegeben, was sie von seinem Vater hält.
«Nur ja nicht werden wie Vater»
Der «rebellische» Sohn, der mit allen Mitteln versucht, nicht so zu sein wie der «Alte». Dazu muss er weg, oft sehr weit weg (physisch oder ideologisch), denn sein eigener Weg darf in erster Linie keine Ähnlichkeit mit dem seines Vaters aufweisen. Die Art von Männlichkeit, wie sie ihm sein Vater vorlebte (egal was er lebte) ist für ihn tabu. Letztendlich geht es um die Frage: «Wie weit ist ein kurz- oder langfristiger Bruch vom Sohn mit dem Vater (oder der Familie) von Nöten, um auf dem eigenen Weg, den Weg zu sich nach hause, zu finden?» Oder:
«Wie weit ist das daraus entstehende Aussenseiter-Dasein eine evolutionäre Wurzel des menschlichen Daseins?» |
Zwei Haltungen
Grundsätzlich gibt es zwei Haltungen, wie mann auf sein Elternhaus reagieren kann: Vorsätzliche Rebellion oder Anpassung. Der «rebellische» SohneMann, der nicht so werden will wie sein Vater, nimmt sein Bündel bald nach seiner (gefühlsmässigen) Mündigkeit in die Hand und geht. (siehe Kästchen) Der anfänglich «angepasste» SohneMann der Sohn, der sich nach seiner Mutter ausrichtet und darauf bedacht ist, es IHR möglichst recht zu machen entwickelt sich zuerst zu einem einfühlsamen Liebhaber. Seine Art, eventuell später zu rebellieren, ist eine andere und er geht auf (s)eine eigene Art und Weise, in die Welt hinaus, um seinen Weg zu finden wenn er wirklich geht. Der «ewige Jüngling» oder «Muttersohn», wie er oft abschätzig abgetan wird, hat im Volksmund einen schlechten Ruf, und wie anfangs erwähnt, ist er bei uns häufig anzutreffen Vielleicht erkennt sich der eine oder andere in beiden Typen Männer oder mann kann mit beiden nichts anfangen. Meine «Typologien» betrachte ich als Orientierungshilfen.
Freiheit
Oft übernimmt mann später elterlichen und die gesellschaftlichen Klischees, ohne diese wirklich zu hinterfragen oder mann rebelliert einfach dagegen. Rebellion ist immer eine Reaktion auf vorangegangene Anpassung und damit selten eine freie Wahl. Im besten Fall ist Rebellion eine Option. Freiheit heisst aber frei wählen zu können und das ist nur möglich wenn mann ein möglichst grosses Spektrum seiner selbst erkennt. Je umfassender die Selbsterkennung ist, desto grösser die Möglich-keit aus den verschiedenen Facetten der Persönlichkeit im entscheidenden Moment eine optimale Kombination und freie Wahl zu treffen. Das ist aus meiner Sicht die einzige Freiheit, die wir als Menschen wirklich haben. Jede Wahl und auch jede freie Wahl ist nur für den jeweiligen Moment gültig und jede Wiederholung wäre somit Leben aus der Retorte: Heraklit fasst dieses universelle Gesetz kurz und bündig in den Satz: «Du kannst nicht zweimal in denselben Fluss steigen» Freiheit in dem Sinn ist eine echte Herausforderung und hat genauso, wie jede Unfreiheit ihre Konse-quenzen. Und um «Freiheit» geht es in der Hauptsache in der Auseinandersetzung mit dieser Art von «Aussenseiter-Dasein».
«puer aeternus»
Marie-Louise von Franz prägte den lateinischen Begriff «puer aeternus», auf deutsch der «ewige Jüngling» oder der «göttliche Jüngling». Kurzgefasst bleibt der «puer aeternus», ein junger Mann mit einem ganz bestimmten «Mutterkomplex», in den Charakterzügen eines Jugendlichen von siebzehn, achtzehn Jahren stecken. Diese Eigenschaften werden manchmal eins zu eins in das Leben des erwachsenen Mannes übernommen. Der junge Mann sucht im Alter weiter nach der «Göttin», dem Bild der vollkommenen, fehlerlosen Frau, die ihm alles gibt all seine Bedürfnisse befriedigt. Ein romantisches, jünglinghaftes Verhalten begleitet diese Suche und deutet auf eine immer noch ausgeprägte Bindung an die Mutter hin. Alle anderen «Bindungen» sind nur Ersatz.
Der «ewige Jüngling» lebt mit einer inneren Weigerung, sich dem Hier und Jetzt dem Leben hinzugeben. Mann könnte es als «provisorisches Leben» bezeichnen. Eine grosse Angst vor jeder Form von Bindung, an etwas gebunden zu werden, wo es kein Entfliehen mehr gibt, begleitet jede momentane Situation. Dementsprechend wichtig ist für ihn jede Form von Ungebundenheit. Er ist oft fasziniert von gefährlichen Sportarten Fliegen, Bergsteigen, Klettern oder Reisen in ferne Länder überall dort, wo «Mutter» ihm nicht folgen kann. Eine permanente innere Unruhe begleitet ihn überall dorthin, wo es um Verantwortung, Verpflichtung und Ähnliches geht. Er ist am liebsten weit weg vom alltäglichen, gewöhnlichen Leben.
Ein provokativer Buchtitel «Mütter machen Männer» reizte mich, meine Betrachtun-gen mit diesem Typus Mann fortzusetzen: Ein junger Mann ohne wahrhaftige, männ-liche Vorbilder oder einem, das von seiner Mutter abgelehnt wird, ist auf der Suche nach (s)einer Identität ziemlich aufgeschmissen. Für ihn ist Mann-sein so viel wie «Nicht-so-wie-Mutter-sein». Mit dieser Identität geht er in die Welt hinaus und sucht ?? Was soll er denn suchen, das zu ihm passt? Er ist in seinem geschlechtlichen Körper nicht verankert, sein männlicher Körper antwortet auf die (falschen) Vor-gaben, wenn er ihn nach seinen Bedürfnissen fragt. Eine «Nicht-so-wie-Mutter(Frau)-sein-Identität» kann mann auch gleich setzen mit keiner Identität, nicht wissen wer und was mann ist. Ohne Identität hat mann keinem Boden. Ein bodenloses Grund-gefühl unterstützt die Tendenz, sich auflösen zu wollen oder abzuheben.
Keine Anpassung
«Von einem verborgenen Genie ist es zuviel verlangt, sich anzupassen». Der
«puer aeternus» lebt im Gefühl, etwas ganz Besonderes zu sein: So wird er oft nur mit grosser Mühe den richtigen Beruf finden. Es wird nie ganz das Richtige sein, immer ist «ein Haar in der Suppe» und er tendiert darauf, die Suppe weg zu schütten wo ein anderer das Haar entfernen würde. Dieses «Nie-das-Richtige-finden» äussert sich entweder in einer unruhigen Kraft, einem «Getrieben-werden» oder in einer schläfrigen Benommenheit (beides typische Merkmale von heran-wachsenden jungen Männern). Sie suchen entweder nach dem ultimativen Kick, der sie erlösen wird und ihnen die Freiheit bringt, um ihre Träume zu verwirklichen. «Was ich mir wünschte, war Bewegung und nicht ein ruhiges Dahinfliessen des Lebens. Es verlangte mich nach Aufregung und Gefahren, nach Selbstaufopferung um eines Gefühls willen. In mir war ein Überfluss von Kraft, der in unserem stillen Leben keinen Raum zur Bestätigung fand.» (Leo N. Tolstoi, «Familienglück») In einer anderen Ausdrucksmöglichkeit hängen diese Männer äusserlich verschlafen und undiszipliniert mit wahllos wandernden Gedanken herum. Diese Benommenheit ist aber nur äusserlich wenn mann es vermögen würde, durch diese dichten Nebel hindurch zu dringen, würde mann dahinter ein reiches Phantasieleben finden. Eine fantastische Welt, die nicht nach aussen dringt vielleicht nicht dringen darf, weil sie dort, in der Vorstellung dieser Männer, wie eine Seifenblase zerplatzen würde. Das würde einem Tod gleich kommen, da die Welt der Träume ihre einzige Chance ist, sich zu befreien. Ist dieser Fluchtweg abgeschnitten, sind sie ausgeliefert. Festge-bunden an die irdischen Gesetze ans Hier und Jetzt. Was wird aus ihrem «Wissen», dass ihre Zeit nur noch nicht gekommen ist? Dass irgendwann in der Zukunft das Richtige kommen wird oder dass sie eines Tages die Welt erretten irgendwo in der Politik, Religion oder Philosophie einmal «das letzte Wort» zu sagen haben?
Ich erlebe deutlich, wie ich mich beim Schreiben hin und her gerissen fühle zwischen der genialen, schöpferischen Kraft des geistigen Höhenflugs und der bodenständ-igen Realität, die nach Verwirklichung schreit. Ich glaube auch, dass sich hier die Gemüter scheiden. Seine Träume zu leben statt sein Leben zu träumen; das ist die (einzige?) not-wendende Entscheidung. Die Biografien der meisten grossen Künstler erzählen vom Kampf zwischen Genialität und Resig-nation, der vielfach von einem zwanghaften Verhalten begleitet war im Volksmund «Sucht» genannt. Hier entscheidet sich, ob das «Siechtum» (etymologische Herkunft von «Sucht») oder die «Suche» siegt. Ein «philosophisches Ohr» kann aus dem Wort «Sucht» die «Suche» heraus hören. Es ist aus eigener Erfahrung eine absolute Gratwanderung und eine Entscheidung von Moment zu Moment, ob die Suche (nach sich selbst) im «Siech-tum» (Resignation und «Tod») enden soll oder ob sie auf dem Grat weitergeht. Ich gehe hier ganz bewusst nicht weiter auf das lebensumfassende Thema der «Sucht» ein.
«Lebe deine Träume, träume nicht dein Leben.»
Die Fähigkeit «zu ver-rücken», ohne verrückt zu werden, gehört für mich zum Schlüsselbund dieses Aussenseiters. Naivität, Spontaneität und eine ehrliche Neugier sich also ein kindliches (nicht zu verwechseln mit kindisches) Gemüt bewahren, gehört in den Rucksack eines Suchenden. Den Mut, sich in der Unschuld eines Kindes zu zeigen und zwischendurch mal ganz unwissend und blöd dazu-stehen empfehle ich als tägliche Übung. Ganz im Stil von Erich Kästners Ausspruch: «Ist dein Ruf mal ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert.» Der «puer aeternus» würde all das von Haus aus mitbringen wenn die angesprochenen Männer nur (in der Öffentlichkeit) dazu stehen würden. Oft verdrängen und überspielen sie diese wert-vollen Eigenschaften. Als Schauspieler ist der «göttliche Jüngling» oft sehr begabt und beliebt für seine dramatischen, hinreissenden Darstellungen. Durch seine berauschende und mitreissende Wirkung auf seine Umgebung bringt er eine natür-liche (Heil)Kraft mit für Menschen in Not. Mit seinen unkonventionellen Fragen steuert er direkt auf die «einzige» Wahrheit zu. Er ist immer auf der Suche nach dem Absoluten und Wahrhaftigen, nach dem Ursprung nach echter Religiosität. «Lieber als Liebe, als Geld, als Ruhm gebt mir die Wahrheit. Ich sass an einem Tische, wo feine Weine und Speisen in Überfluss vorhanden waren, wo man mich sorgsam bediente, wo es aber keine Aufrichtigkeit und keine Wahrheit gab. Hungrig verliess ich ihren ungastlichen Tisch. Die Gastfreundschaft war so kalt wie das Gefrorene.» (Henry David Thoreau, «Walden, ein Leben in den Wäldern»)
Mann könnte sagen: Der «puer aeternus» hat sich die «Spiritualität» des Kindes bewahrt. Bestimmt jedoch die «SehnSucht» sein Tun und Lassen all zu fest, ist
die Gefahr des «Absturzes» (in das Kind-sein) gross. In jedem «Sich-sehnen» versteckt sich eine regressive Haltung. Sehnen kann mann sich nur nach etwas, das mann kennt und das liegt immer «hinter» uns. Verfolgt mann diesen regressiven Zug konsequent zurück, findet mann sich «im Mutterleib» wieder. Dort hat mann im «Eins-sein» mit seiner Mutter die perfekte Symbiose, neun Monate lang, erlebt. Deshalb sucht der «ewige Jüngling» auch im Alter weiter nach der «Göttin», dem Bild der vollkommenen Frau, die ihm all seine Bedürfnisse befriedigt. Deshalb gehört zu den spezifischen Qualitäten des «göttlichen Jünglings» eine enorme Liebesfähigkeit mit ausgeprägtem Mitgefühl und Fürsorglichkeit. Diese machen ihn zu einem beliebten Liebhaber vorausgesetzt er schafft die Trennung (Abgrenzung) zwischen «ich» und «du». In der Liebe gibt er gerne den andern, was er selber bräuchte und ist daher oft in helfenden Berufen anzutreffen. Seine Suche nach Liebe und Vollkom-menheit, kann wie die Suche nach der «Göttin», zu einer «Sucht» werden. Das Ziel im Leben eines Mannes kann nicht «zurück-zur-Mutterbrust» sein, sondern nach vorne in die Autonomie, Selbstverwirklichung und Freiheit.
Genial zur Selbstaufgabe.
Die spirituelle Sehnsucht ist beim «puer aeternus» nach aussen verlegt er sucht aussen, was nur innen zu finden ist. Und alles was es aussen zu suchen, resp. zu finden gibt, kann «süchtig» machen.
Wenn Menschen mich in Lebens(abschnitts)krisen aufsuchen, empfehle ich ihnen oft im Laufe der Arbeit das Büchlein «Die Möwe Jonathan» von Richard Bach. Die Geschichte erzählt von einer Möwe, die anders ist als ihre Artgenossen. Sie glaubt an das Abenteuer des Fliegens als Teil der grossen Freiheit der Möwen. Sie fragt sich immer wieder, warum es zu den schwierigsten Dingen auf der Welt gehört, einen Vogel davon zu überzeugen, dass er frei ist und dass er diese Freiheit auch selbst erproben kann. So wird Jonathan schliesslich zum Lehrer und Vorbild für Gleichgesinnte. Die Parallelen zu den Aussenseitern der Gesellschaft lassen die Geschichte zu einer Parabel werden. Das Buch wurde geschrieben für Menschen, die verstehen, dass es mehr gibt als den greifbaren Erfolg, für Menschen, die Be-friedigung finden in einer Sache, von der sie überzeugt sind, auch wenn sie sich damit gegen die ganze Welt stellen, für Menschen, die frei sind für das Abenteuer der Persönlichkeit. Richard Bach selber, geboren 1935 in den USA, entdeckte seine Liebe zur Fliegerei bereits mit siebzehn Jahren. Mit achtzehn wurde er zum Jetpilot ausgebildet. Er war Schauflieger und Fluglehrer und publizierte Hunderte von Aufsätzen über seinen mit Leidenschaft ausgeübten Beruf, bis er mit der Möwe Jonathan einen weltweiten Erfolg hatte. Ich selber habe mich mit dieser Geschichte schon so oft wieder aufgerappelt, wenn ich vom Grat abgekommen bin und mich zusätzlich für mein selbstzerstörerisches Verhalten innerlich verurteilt habe. Ich behaupte, dass die meisten grossen und wahrhaftigen Künstler «göttliche Jüng-linge» sind! Ihre Motivation ist die Frustration. Das heisst, sie sind nie zufrieden, mit dem was sie getan haben und diese permanente Unzufriedenheit schafft «Genera-tionen überlebende», unvergessliche Werke. Schöpferische Menschen erzählen immer wieder in ihren Biografien, wie sie über längere Zeiträume von andauernden Verzweiflungsattacken besetzt wurden, um dann endlich, unter grossen Schmerzen, ihre «Schöpfung» zu gebären. Sie kämpfen
mit einer inneren Zerrissenheit zwischen dem Wissen «wie es sein könnte» und dem Bewusstsein von dem «was wirklich ist». Sie haben eine (göttliche) Vision und die beschränkte Realität verfolgt sie wie ein dämonischer Schatten. Etwas profaner könnte mann es auch «dem Perfektionismus verfallen» nennen. Ein «Perfektionis-mus», der diese Männer zu immer «grösseren» Taten treibt und sie «nur» die voll-kommene Schöpfung anstreben lässt. Sie erkennen den (schöpferischen) Wert in Dingen, der irdische Preis kümmert sie oft wenig.
Diese Erkenntnis kann so weit gehen, dass sie sich selber aufgeben. Manchmal geht die Selbstaufgabe weit in die physische und psychische Zerstörung hinein einzig und allein der «Vollkommenheit» zuliebe. Wenn ich mich dann vom «Schaffen» solcher Männer berühren lasse, kann ich mir gut vorstellen, wie die «Götter» sich konkurrenziert vorkommen müssen und die von ihnen geschaffenen Kreaturen, die sich «zu» weit vorwagen, in ihre menschlichen Grenzen verweisen. «Götter», so meine ich zu wissen, wollen ihre Vormachtstellung behalten.
Ken Wilber fand einfache Worte, um diesen Konflikt vom «göttlichen Jüngling» treffend zu beschreiben: «Die Tiere sind sterblich, aber sie begreifen diese Tatsache nicht ganz. Die Götter sind unsterblich und sie wissen das. Der armselige Mensch jedoch wurde zu einer unglückseligen Mischung: Er ist sterblich und er weiss es.»
Es kommt immer wieder vor, dass waghalsige «Grenzgänger» auf der Suche diesem schmerzlichen Konflikt ausweichen und ihre gewagten Taten mit dem Tod bezahlen. Ich wage zu sagen, dass diese Männer (mehr oder weniger bewusst) ihren eigenen Tod, um der Freiheit oder Ekstase willen, im weitesten Sinn in Kauf genommen haben. Ein eindrückliches Beispiel zum Schluss könnte diese Theorie unterstrei-chen: John Magee und seine dramatische Darstellung darüber, was Fliegen für ihn wirklich bedeutete. Er starb kurz nachdem er dieses Gedicht geschrieben hatte bei einem Flugzeugabsturz.
Höhenflug
Den zähen Fesseln der Erde
bin ich entronnen,
die Himmel hab' ich durchtanzt,
auf silbernen, lachenden Schwingen,
zur Sonne bin ich gestiegen
im fröhlichen Taumel lichter Wolken -
hundert Dinge hab' ich getan,
die keiner wagt zu träumen:
mich geschaukelt, gewirbelt, gedreht
in sonnheller Stille hoch oben.
So schwebend hab' ich gejagt
den lärmenden Wind
und gestürzt mein gierig Gefährt
durch endlos luftige Räume.
Hoch, hoch im weiten, rasend brennenden Blau,
wo Lerche nicht noch Adler flog,
hab' ich die Höhe leicht bezwungen.
Und während ich, mit still erhobenem Geist,
das nie betretene Heiligtum des Alls
durchmass - da streckt' ich aus die Hand
das Antlitz Gottes zu berühren.
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