Nr. 3/02
Der Männertherapeut und seine Freundschaftsgeschenke

Freundschaft ist ein Geschenk,
das einem nicht geschenkt wird!

Liebe, sagt man, gibt es auf den ersten Blick oder man(n) fällt hinein – «Falling in love». Freundschaft entsteht manchmal kaum spürbar und wächst langsam um viele Ecken. Männertherapeut Peter Oertle (männer:art) leuchtet ein noch wenig bekanntes Feld aus.

«Nacht für Nacht muss ich im Traum einen Lastwagen von Basel nach Hamburg fahren», klagt ein Mann dem Psychiater. «Am nächsten Morgen fühle ich mich dann wie gerädert.»
«Kein Problem», sagt der Arzt, «halten sie einfach ab jetzt bei der Autobahnraststätte Karlsruhe an. Dann übernehme ich den Transport bis Hamburg.»
Am Abend trifft der erleichterte Mann einen Freund. Der hat ein ganz ähnliches Problem. «Nacht für Nacht», erzählt er, «muss ich im Traum drei Frauen lieben. Das schafft mich völlig.»
Der Mann gibt dem Freund die Adresse des Psychiaters. Als er ihn das nächste Mal trifft, fühlt sich der Freund miserabler denn je. «Was ist denn los?»
«Die Frauen sind zwar weg – dafür fahre ich jetzt jede Nacht so einen dämlichen Laster von Karlsruhe nach Hamburg.»

Liebe begehrt den anderen mit Haut und Haaren oder sehnt sich danach, mit ihm oder ihr ein «ein Herz und eine Seele» zu sein. Das Wesen der Freundschaft will Respekt vor dem anderen und seiner Andersartigkeit.
Im Lexikon heisst es: «Freundschaft ist eine Form sozialer Bindung zwischen zwei oder mehreren (besonders gleichgeschlechtlichen) Partnern, die durch persönlich-keitsbezogene Vertrautheit, Hilfs- und Opferbereitschaft und freiwillige Verantwort-ung für den anderen bestimmt wird. Damit bildet die Freundschaft einen Gegensatz zu zweckbedingten, partnerschaftlichen Verbindungen.»

Zwischenraum
Freundschaft braucht zeitliche wie räumliche Distanz – vielleicht noch viel mehr als eine Liebesbeziehung. Ihr vorteilhaftester Status ist ein strenges Wechselspiel zwischen Nähe und Distanz. Und es gibt Fälle, in denen die Nähe der Freundschaft mehr schadet als der Abstand.
Goethe meint dazu in einem Brief: «Wie die Pausen so gut zum musikalischen Rhythmus gehören als die Noten, so eben mag es auch in freundschaftlichen Verhältnissen nicht undienlich sein, wenn man Zeitlang sich mitzuteilen unterlässt.» Musiker nutzen den Zwischenraum vom Takt zum nächsten Takt (Rhythmus) zum Improvisieren. Das Hörbare lässt Raum frei für die Musik. Der Schlagzeuger von «Greatful Dead» soll einmal gesagt haben: «Musik machen heisst, die Zwischen-räume hörbar machen!»
Freundschaft lebt vom Raum dazwischen. Trotzdem oder genau deshalb verlangt sie eine permanente Präsenz. Eine gegenseitige, stillschweigende Übereinkunft, dass der Freund einfach da ist, auch wenn mann nichts von ihm hört, verlangt ein «Zuge-gensein» in der Nicht-Begegnung. Anwesenheit in den Zwischenräumen ist für den «zivilisierten» Menschen, der gelernt hat, den Fokus ausschliesslich auf die Ereignisse zu richten, eine riesige Herausforderung. So gesehen ist Freundschaft eine Provokation.
Männer (und Frauen) sind unverwechselbare Originale und passen selten gut zueinander. Ihre Formen greifen nicht oder eben nur selten ineinander. Deshalb brauchen Männer (und Frauen) einen «weichen Stoff», der dieses Dazwischen ausfüllt, der Verletzungen vermeidet und Verbindung herstellt. Dieser «Stoff»
könnte eine Art Achtsamkeit sein, die uns befähigt, miteinander Fortschritte und Entwicklungen zu machen. Achtsam mit sich selbst und seiner Umwelt umzugehen, ist nicht unsere Stärke! So gesehen ist Freundschaft eine echte Aufgabe.

Freundschaft als Chance
Theoretisch habe ich für kein Männerthema in all den Jahren so viel Material zusam-men getragen, wie für die Freundschaft. Praktisch bin ich ständig auf der Suche nach einem Mann, den ich definitiv als «meinen besten Freund» bezeichnen kann und will. Denn: Ein Netz von Beziehungen und die Agenda voll von Adressen zu haben oder kein Einsiedler zu sein, heisst für mich noch lange nicht, einen Freund zu haben.
Ich zitiere nochmals das Zitat aus Stuart Millers Buch «Männerfreundschaften»
(vrgl. Artikel: «Ich bin doch nicht schwul, sagen auch die neuen Männer»
2/02, S. 33-35):
«Ich glaube, Menschen, die eine echte Freundschaft entwickeln, sind irgendwo ganz tief verletzt worden und begeben sich unbewusst an den geeignetsten aller mensch-lichen Orte, um dort Heilung zu finden. Indirekt und oft schwer erkennbar hat Freundschaft in ihrer höchsten Form mit tiefem Leiden und tiefer Kränkung zu tun; blankes Entsetzen über die Vereinsamung, in die einen eine Gesellschaft zwingt,
die offenbar wenig echtes Interesse an menschlichen Werten besitzt. Wenn also Menschen aufeinander zugehen und sich Liebe entgegenbringen, entsteht etwas wie ein tiefer Heilungsprozess. Freundschaft ist eine Möglichkeit, das Leben zu überlisten, nämlich all das zu leben, auszutauschen, was einem das Leben «draussen» eh versagt. Sie ist eine Chance dich nicht unterkriegen zu lassen.»
Mein philosophisches Auge sieht den Menschen ursprünglich als ein Fragment der Menschheit, auf der Suche nach anderen Fragmenten, die zu ihm passen, um weitere Fragmente in sich selber zu entfalten. Der Mensch wird ein «Ganzes»
durch Freundschaft, um schliesslich als Ganzes ein Teil des grossen Ganzen –
der Menschheit – werden zu können. Ich meine, gelebte Solidarität und dies vom ursprünglichen Sinn ausgehend – «in solidum» – «für das Ganze verantwortlich sein». So stellten sich die Freimaurer vor, «wie die eine Spitze des Zirkels fest im Herzen verankert ist und die andere die endlose Kreislinie zieht und alle Menschen umschliesst.». Mit dieser Sichtweise betteten sie sich ins Netz der Menschheit –
für die Freimaurer war die Brüderlichkeit aller der Mörtel zum Tempelbau.

Wahlverwandtschaft
In Freundschaft wird mann nicht wie in die Familie hineingeboren. Sie ist auch nicht erbbar. Freundschaft will erarbeitet sein und gepflegt werden. Mann ist aufgefordert, jemanden als Freund zu wählen, um irgendwann vielleicht eine eigene Wahlfamilie zu gründen.
Aufgewachsen bin ich als Ältester von vier Buben. In den über zehn Jahren Therapie- und Selbsterfahrung komme ich meiner eigenen Männlichkeit immer wieder bis tief in mein Unbewusstes auf die Spur – im Alltag ist eine wirkliche Männerfreundschaft die grosse Herausforderung in meinem Leben geblieben.
Auf die Schnelle hingeguckt, habe ich kein Problem mit Männern. Ich habe keine Angst vor körperlicher Berührung. Ich rede bald einmal «frei von der Leber» über Intimitäten, wie Geld, Sex, Durchfall, Mundgeruch, Macht oder Nasenbohren…
Und während ich schreibe, merke ich, wie genau diese freizügigen Äusserungen Männer in meinem Umfeld misstrauisch stimmen. Sie haben mich lieber auf Distanz, als dass sie mich in ihren nahen Freundeskreis aufnehmen (falls sie einen haben).
Jetzt bin ich mitten drin und es wird Zeit, mit theoretischem Wissen wieder etwas Luft zu machen.
Auf der Suche nach analytischen Begriffen für Freundschaft habe ich folgende Begriffe gefunden: Vertrauen, Anteilnahme, Vertrauter, Beistand, Treue, Wärme, Zuneigung, Unterstützung, gemeinsame Aktivitäten, Akzeptanz, Selbstoffenbarung, Nähe ? Ich habe mich gefragt, wie weit gelten diese Begriffe auch für Freundschaften unter Männern?
Immanuel Kant meinte dazu: «Ein echter Freund ist so selten anzutreffen wie ein schwarzer Schwan.»
Mir fällt dazu zuerst eine Geschichte ein: «Einem Mann wurde die Erlaubnis gegeben, noch zu Lebzeiten Himmel und Hölle zu besuchen. Zuerst ging er in die Hölle und er sah eine Menge Leute an langen Tischen sitzen, reich überladen mit Speisen und Getränken. Dennoch hungerten und weinten diese Leute. Der Besu-cher sah bald
den Grund dafür: Ihre Löffel und Gabeln waren viel länger als ihre Arme, so dass sie sie nicht zum Mund führen konnten.
Dann kam der Mann in den Himmel, wo er genau die gleiche Szene antraf. Lange Tafeln reich beladen mit köstlichen Speisen. Auch hier hatten die Leute Löffel und Gabeln, die länger waren als ihre Arme, so dass sie sich ebenfalls nicht selber nähren konnten. Dennoch waren sie alle vergnügt und wohlauf. Denn sie versuchten nicht, selbst zu essen – sie gaben einander zu essen!»

Typologie
Mit der Frage, wie weit die Begriffe für Freundschaft auch für die Beziehungen von Mann zu Mann zutreffen, bin ich auf verschiedene Formen gestossen, wie Männer
zu andern Männern in Beziehung stehen können.
• Die «Hierarchische Beziehung» ist eine erste Form, wie sie beispielhaft vom Mentor zum Schüler sichtbar wird: In dieser Art von Beziehung suchen zwei Männer Schutz, Sicherheit, Lernen, Einweihung, Vorbild, Vertrauen, Wachstum.
• Eine zweite Form ist die «Geschwisterliche oder brüderliche Beziehung», man könnte sie auch «Freundschaftliche Interessengemeinschaft» nennen. Darin sind gemeinsames Erleben, gemeinsame Wege gehen (z.B. Schule, Beruf, Reisen, Interessen...), voneinander lernen, Spiel und Spass, die Anziehungspunkte.
• Die dritte Form ist die «Homoerotische oder homosexuelle (Liebes)Beziehung». Sinnlichkeit, Nähe, Erotik und/oder Sex, Neugier oder «Gwunder» ziehen Männer
in dieser Beziehungsform an.
• Die wichtigste und seltenste Form ist die der Freundschaft mit sich selbst. (Homophilie) Wer mit sich selbst nicht in einer intimen Freundschaft steht, der
kann auch für andere kein wirklicher Freund sein. (vrgl. Artikel: «Ich bin doch nicht schwul, sagen auch die neuen Männer» (2/02, S. 33-35) Auf diese intrapersonale (Beziehungs)Form möchte ich hier aber nicht mehr weiter eingehen.

Mentor und Schüler
Meine Beobachtungen in den Männergruppen bestätigen die drei interpersonalen Beziehungstypen. Auf meiner persönlichen Suche bin ich vor allem im ersten Typus anzutreffen, in der des Mentors und des Schülers. Ich fühle mich in beiden Rollen wohl. Diese Freundschaft ist «ungefährlich», weil ich meine Rolle habe, mich an ihr orientieren und gegebenfalls auch dahinter verstecken kann. Weil der Mentor seinen Schüler nicht wie ein Vater seinen Sohn liebt, kann er sein Potenzial sehen und ihn uneigennützig begleiten. Der Schüler bleibt damit frei und er kann sich getrost auf das verlassen, was der Mentor sagt. Der Vater kann nie wirklich Mentor sein. Er ist meistens ge- oder befangen in seinen eigenen, unerledigten (unbewussten) Geschichten, die er auf den Sohn überträgt. Damit wird er den Sohn unweigerlich eigennützig manipulieren. Daher tut der Sohn im besten Fall das, was der Vater tut und nicht das, was er sagt.
In der brüderlichen Beziehung stehen die gemeinsamen Unternehmungen im Vordergrund – die gemeinsame Aktivität verbindet sie wie eine Seilschaft. Doch was passiert, wenn diese wegfällt? Ich war einmal mit drei Männern auf einer Bergtouren-Woche vier Tage in einer Hütte eingeschlossen – auf dem Sprung, einen Viertausen-der zu besteigen. Ich hatte nach unserer Befreiung Muskelkater in Armen und Händen vom Jasskartenhalten und Getränkestemmen. In kann mich nicht an ein einziges intimes Gespäch erinnern, obschon wir sicher alle unsere Püffer mit Unzulänglichkeiten, Frauen, Sex oder Geld hatten.
Die sexuelle, erotische Beziehung: Da müsste ich vielleicht auswegslos für längere Zeit mit Männern «eingeschlossen» sein (und keine Frau zu Gesicht bekommen), bis mann mich vielleicht sexuell erregen würde. Ich hatte am Rande meines jugend-lichen Daseins ein kurzes sexuelles Erlebnis mit einem Mann, das bis heute einen fahlen Nachgeschmack hinterlassen hat. In meiner Vorstellung bin ich bereit für eine Begegnung, falls ich mich mit einem Mann erregen sollte. Diese Offenheit zu spüren macht mich frei von Ängsten und lässt mich cool darüber reden.

Zurück zur Freundschaft
Nun, was bleibt dann noch? Ich kenne sie, die flüchtigen Momente, wo «Liebe» für einem Mann aufflammt – intensiv und leidenschaftlich. Es ist der Moment, in dem ich stolz bin auf «ihn», den Freund, in dem ich ihn bewundere, ohne dass ich mich «klein» fühle dabei. Ich bin glücklich, dass «er» da ist. Ich weiss in dem Moment,
wo ich mich hinwende, wenn ich emotionale und physische Unterstützung, wenn
ich einen Mann brauche.
Ich suche Männer mit «courage». Verbündete mit der feurigen Kombination von «coeur» (Herz) und «rage» (Leidenschaft). Mutige Männer, die solidarisch für Gerechtigkeit, Freiheit oder Frieden einstehen. Mir kommt der Slogan der französi-schen Revolution – «Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit» – in den Sinn. In meiner Vorstellung tauchen Männer auf wie Winnetou, Robin Hood, Mahatma Gandhi oder Martin Luther King. Ich suche Männer, die sich nicht alles gefallen lassen. Männer, die spür- und sichtbar werden, wenn es nötig ist, stand halten, auch wenn der Widerstand chancenlos gross scheint. Mahatma Gandhi's Ausspruch: «Den einzigen Tyrannen auf dieser Welt, den ich akzeptiere, ist meine innere Stimme», drückt diese Sehnsucht unmissverständlich aus. Heroisch, ohne persönlichen Gewinn, sehe ich mich mit meinem Freund dastehen – der inneren Stimme folgend, auch wenn der Rest der Welt dagegen ist.
Archetypische Bande umfassen die grosse Männer-Welten-Seele und bilden ein Abwehrsystem. Imun gegen «feindliche» Angriffe, gestärkt durch das Gefühl der Zusammengehörigkeit bilden wir das Fundament für eine spirituelle Verbindung.
In diesem Sinne könnte eine Männersolidarität uns einen gemeinsamen Sinn und damit ein unver-rückbares Dasein geben. Mein Männerherz schlägt höher, schneller, es schlägt für zwei, drei, für viele Männerseelen …

Kain und Abel
Was muss auf diesem Planet noch geschehen, bis wir Männer uns z.B. kollektiv weigern, die Kanonen aufeinander zu richten und dabei nicht nur uns selbst, sondern auch unsere Frauen und unsere Kinder ins Elend oder Grab zu stürzen?
Ich möchte zum Schluss meine Gedanken zu Männerfreunschaften mit einem Brief von Franz Hohler einrahmen:

«Zürich, 14. November 1991
Lieber Kain, lieber Abel!
Ich weiss nicht genau, wo Ihr zur Zeit seid, in Dubrovnik, in Vukovar oder in Ossijek, aber mit Schrecken sehe ich: Wo immer Ihr seid, Ihr seid nicht weiter als im ersten Buch Mose.
Von hier aus kann ich nicht deutlich erkennen, wer von Euch auf welcher Seite der Gräben steht, und ob es Kain ist, der hinter einem Maschinengewehr kauert, und Abel, der sich an eine zerschossene Hauswand drückt, oder umgekehrt. Ich sehe nur, dass es wieder ist wie damals, als Du, Kain, zu Deinem Bruder Abel sagtest: «Lass uns aufs Feld gehen.»
Lieber Kain, lieber Abel, ich bitte Euch, kommt zurück vom Feld, bevor es zu spät ist, ich kenne den Ausgang dieser Geschichte, Ihr kennt ihn auch, wir alle kennen ihn. Ich weiss nicht wirklich, was Euch diesmal entzweit, aber eines weiss ich auch aus grosser Entfernung: Ihr seid Brüder. Es bleibt nicht viel Zeit, und die Verbind-ungen sind unterbrochen, deshalb gebe ich meinen Brief einer Taube mit. Hoffentlich findet sie Euch und wird nicht abgeschossen über dem Feld.
Euer Urenkel Franz Hohler.»

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