Nr.4/07

Übungen in der Pflicht

Glück oder Unglück?

Vom Umgang mit Schmerzen, von der Frage nach dem Glück und von der Pflicht zum Leben.

von Peter Oertle

ch schlief und träumte,
das Leben sei Freude
Ich erwachte und sah,
das Leben war Pflicht
Ich handelte und siehe,
die Pflicht wurde Freude

Moral oder Weisheit? Im Moment des Handelns soll die Pflicht zur Freude werden. Das tönt stark nach gesellschaftlichem Wegweiser in die Richtung: Sei angepasst und bescheiden und erkenne darin den Wert deines Daseins …
Nun stammen diese Worte aber vom indischen Dichter, Musiker und Philosophen Rabindranath Tagore (1861 - 1941) und der ist mehr als ein Moralapostel. Ich zähle ihn zu den grossen Weisen dieser Erde.

Aufgaben
Vierundfünfzig Jahre habe ich Tag und Nacht Schmerzen gehabt – seit meiner Geburt und bis vor dreieinhalb Jahren habe ich nichts anderes gekannt. Sind die Schmerzen unter einen bestimmten Grenzwert gefallen, war ich der Meinung, dass ich keine Schmerzen habe – was ab und zu geschah. Ich hatte all die Jahre nie einen Vergleich, darum bin ich dieser Täuschung unterlegen. In den letzten eineinhalb Jahren, vor der «Wende», als ich nie mehr länger als zwanzig Minuten am Stück schlafen konnte, da brauchte ich keine Vergleiche mehr, um zu merken, dass mein Schmerzgefäss am überquellen war. Laut Ohrenzeugen soll ich ein paar Mal gesagt haben, dass ich nicht wisse, wie lange ich so noch weiterleben wolle. Ich überlegte mir, aus diesem Leiden auszusteigen und meinem Leben ein Ende zu setzen. Ich habe es nicht getan – weiss «Gott» warum?
Ich wurde an dieses Leben gebunden, ohne mich je wirklich verbunden zu fühlen. Ich fühlte mich oft einsam. Manchmal schien es mir, als hätte ich eine wichtige Aufgabe erhalten, dann fühlte ich mich stark: «Gott verleiht nicht seinen schwächsten Kindern die schwierigsten Aufgaben!» Dann wechselte der Film und ich fühlte mich zu einer lebenslangen Pflicht verknurrt. Dann überwältigte mich die Wut und ein Gefühl von ungerecht behandelt zu werden.

Entscheidungen
Vor dreieinhalb Jahren erhielt ich «per Zufall» die Hiobsbotschaft, dass ich mich sofort unters Messer lege müsse, wenn ich noch eine Chance zum Weiterleben wahrnehmen wolle. Es blieb keine Zeit mehr für irgendwelche Alternativen, das wurde mir bald klar. Die Diagnose schüttelte mich und meine Umgebung. Während zwei Stunden erklärte uns der Chirurg all die möglichen Folgen, die so ein Eingriff mit sich bringen könnte. Ein «Ja» zu diesem Schritt beinhaltete für ihn auch ein «Ja» zu all dem, was passieren könnte. Um optimale Voraussetzungen zu schaffen, brauchte er dieses, den «worst case» umfassende, «Ja». Würde etwas eintreten, was er nicht aufgeführt hätte, wäre das Vertrauen verloren. Ein Risiko blieb bestehen. Die Zeit von Diagnose bis zur Operation war eine Explosion der Sinne, der Eindrücke, der Intensität. Ich habe gelebt wie noch nie zuvor. Die Pflicht wurde Freude.
Den Chirurgen lernte ich bald zu meinen Mentoren zählen. Er war für mich stehts glaubwürdig und ist es bis heute geblieben. Seine Klarheit war ohne ein autoritäres Verhalten. Ich glaube erfahren zu haben, dass auch er aus einer Art Pflichtgefühl (dem Menschen gegenüber?) heraus handelte. Er benutzte die Metapher der «Seilschaft»; mich seiner Führung anvertrauen, sei für ihn unumgänglich. Wieder Pflicht – keine Wahl und keine Rede von «Kür». Dann tat ich wie mir geheissen. Ich überlebte und erlebe seither, worüber niemand ein Wort verloren hat, ein Leben ohne Schmerzen – das erste Mal in meinem Leben. Ich kann es kaum fassen – ich handelte und siehe die Pflicht wurde Freude.
Als ich nach gelungener Operation einmal bemerkte, dass ich Glück gehabt habe, meinte der Arzt: «Das können Sie nicht wissen!» Ja, das stimmt. Was noch vor kurzer Zeit wie eine Sackgasse aussah, ist heute der Himmel auf Erden. Was wird wohl «morgen» oder «übermorgen» daraus? Meine Hoffnung liegt heute darin, all das tragen zu können, was auf mich zukommt – die Pflicht zu meistern.

Ja-sagen
Was bedeutet demnach «Pflicht»? Das anzunehmen was auf mich zukommt, ob der Moment sich gerade beschissen oder vergoldet anfühlt, ohne dabei fatalistisch zu werden? Dem Leben meine Antwort zu geben?
Noch einmal Rabindranath Tagore, er meint weiter: «Wir können einzig und allein darum bitten, immer wieder die Kraft zu haben, das zu verändern, was wir verändern können – im richtigen Moment die Gelassenheit aufzubringen, das hinzunehmen, was wir nicht verändern können und schlussendlich die Weisheit empfangen, das eine vom andern zu unterscheiden». So, meine ich verstanden zu haben, ist es möglich, jeden Moment des Lebens als das zu nehmen, was er ist. Und ich bin mir bewusst, dass dieser Satz auf den ersten Blick zynisch tönen mag, wenn ich diese Einsicht zum Beispiel auf Menschen ausdehne, die hungern oder unter einer andern ständigen Bedrohung leben. Wenn ich aber auf meine vierundfünfzig Jahre «Schmerz» zurück blicke, weiss ich, dass ich nur auf Grund dieser «Weisheit» überlebt und weiter gelebt habe – wenn auch völlig unbewusst. Ich habe keinen Vergleich gehabt. Ich habe den Moment auch nicht vergolden können oder müssen, um weiter zu leben. Ich lebte und hatte keine Wahl oder hätte auch sterben können, ohne eine Wahl zu haben. Darin liegt die Freiheit des Moments. Jeder Vergleich macht den Moment zunichte, weil er mich aus der Pflicht holt, das Leben so zu nehmen wie es sich mir präsentiert und weil es mich einlädt zu bewerten. Und mit allem Wissen werde ich es kaum schaffen, es nicht zu tun.

Angst und Mut
Im Rückblick ist mein Leben eine Abfolge von Pflichtübungen und mit jeder Entscheidung bin ich im Pflichtprogramm weiter gegangen und gehe weiter. Ich musste einen Monat auf die Operation warten. Der einfachste und schmerzfreiste Weg wäre gewesen aus dem Leben zu scheiden. Ein paar mal habe ich mir einen heroischen Abgang aus diesem Leben vorgestellt. Ich habe keine Angst vor dem Tod verspürt – Angst vor den Schmerzen jedoch sehr, auch wenn ich diese ein Leben lang ausgehalten habe. Der Tod erschien mir wie eine Erlösung – von allem.
Was hielt mich vom Freitod ab? Meine nächste Umgebung hätte einen Entscheid dafür mitgetragen, das haben die mir am nächsten stehenden Menschen laut und deutlich gesagt. Heute ahne ich, dass dieser Liebesdienst von meinen Nächsten, dass ich nicht für sie hätte bleiben müssen, mir die Kraft gegeben hat, mich für mich zu entscheiden. Ich musste mich selbst auffordern die Verantwortung zu übernehmen und weiter der Pflicht zu folgen. Die Pflicht füllt den Moment oder erfüllt ihn im besten Fall mit Freude. Vielleicht kann so das Leben in Erfüllung gehen? Vielleicht nennen die Buddhisten diesen Zustand «Erleuchtung»? Ich weiss es nicht.
Aber ich weiss: wenn ich mir wirklich «Gutes» tun will, dann suche ich einen Weg in den Moment, der gerade jetzt und hier ist. Dann bin ich «Ich»: habe, was ich habe, tue, was ich tue, erlebe, was ich erlebe. Und seit der «Wende» im Sommer vor drei Jahren erlebe ich jeden Augenblick mit allen menschlichen Gefühlszuständen der Welt, dem Ärger, der Trauer, der Angst, dem Frust, der Freude – und alles ohne physischen Schmerz.

Glück oder Unglück?
Eine Geschichte aus China erzählt, dass einst in den Bergen ein Bauer in ganz bescheiden Verhältnissen lebte. Er hauste da mit einem Sohn und einem Pferd und bestellte seinen Acker …
Eines Tages kamen Wildpferde von den Bergen und entführten ihm sein einziges Pferd und die Leute vom Dorf kamen wollten mit ihm um den Verlust seines einzigen Pferdes trauern und er antwortete:
«Glück oder Unglück, wer weiss das schon?»
Eines Nachts, lange Zeit später, kam das getürmte Pferd wieder zurück und brachte ein Junges mit. Und wieder kamen die Leute vom Dorf und wollten ihm zu seinem Glück gratulieren. Er antwortete:
«Glück oder Unglück, wer weiss das schon?»
Als der Sohn das Jungpferd einzureiten begann, warf es ihn bald einmal ab und er brach sich beide Beine. Und die Leute vom Dorf kamen wieder und wollten mit dem Bauer um den verunfallten Sohn trauern und er antwortete:
«Glück oder Unglück, wer weiss das schon?»
Als bald darauf das Militär in die Berge kam, um junge Männer für den Krieg einzuziehen, zogen sie ohne den verletzten Sohn des Bauern von dannen. Und die Leute vom Dorf kamen wieder und wollten dem Bauer zu seinem Glück gratulieren, und er antwortete:
«Glück oder Unglück, wer weiss das schon?»

Und so kann sich die Geschichte sich fortsetzen bis …

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