Nr.1/07
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Seelenwanderung
Gringo wird Fremdenführer
Er machte sich mit dem «Tschinggenrucksack» auf in die Fremde, lernte bei den Indios dem Fremden trauen und fror im Zürcher Packeis an seiner Heimat. Jetzt führt er fremde Seelen. Peter Oertle auf Spurensuche.
Von Peter Oertle
«Fremdarbeiter» mussten wir sie als Buben vor den Erwachsenen damals nennen. «Tschinggen» haben wir sie genannt, wenn die Grossen uns nicht zuhörten. Das war fremdenfeindlich für sie für uns ein ganz normales Wort. Ein bestimmtes Kartenspiel der italienischen «Gastarbeiter» war geprägt von vielen und oft lauten «Cinque»-Rufen. So kamen sie zu ihrem Übernamen «Tschinggen». Sie haben all die Arbeit verrichtet, für die wir Schweizer unsere Hände nicht schmutzig machen wollten. Mich haben sie gelehrt, mit süssem Mais (Polenta mit Kondensmilch und Mehl zu einem Teig geknetet) auf Fischfang zu gehen. Sie haben mir gezeigt, wie man den Weissfisch, dem kaum jemand bei uns auch nur einen Blick schenkte, in eine wohlschmeckende Speise verwandelt. Mir haben sie aber auch gezeigt, dass man bei körperlicher Schwerarbeit noch singen kann. Mit achtzehn kaufte ich mir einen «Tschinggenrucksack» (FIAT seicento) es war für mich eine klare Sympathiebekundung für unsere Gastarbeiter, die für mich frischen Wind in die mit Förmlichkeit und Anstandsregeln gesättigte Schweizerluft brachten. Ihre Lieder, ihre Namen brachten etwas von der mediterranen Nonchalance in die Schweiz: «Mi sono innamorato di Marina» ich höre sie noch immer in mir, ihre melancholischen Schnulzen. Das war in den 50er-Jahren.
Als ich zwölf war, haben wir als Familie für ein Jahr in Marokko gelebt. Da waren wir die «Fremden» und wurden warmherzig und behutsam aufgenommen als Freunde aus fernen Landen. Ich war fasziniert von der arabischen Kultur. Das war in den 60er-Jahren. Zehn Jahre später bin ich mit meinem Freund und VW-Bus für ein Jahr in den fernen Osten gereist als Tramper haben wir fremde Länder besucht, haben gelebt, uns ausgetauscht, verglichen und bald gemerkt, dass wir zuhause zwar reich an Geld, aber arm an Herz aneinander vorbei lebten. Später dann, ohne blecherne Rüstung, nur noch mit dem Rucksack bewaffnet, habe ich drei Jahre in Südamerika getrampt, gelebt und geliebt. Das Essen, die Musik, die Farben, die Fertigkeit der Menschen, aus allem etwas Brauchbares zu machen es war ein Fest der Sinne, diese Zeit.
Mag sein, dass ich heute die Zeit meiner Reisen, in der Erinnerung, vergolde. Sicher hat es auch Momente gegeben, wo ich sie verwunschen habe, die «Fremden» oder wo ich ihnen als «Fremder« auf den Geist gegangen bin, mit meinem ewigen Fragen und Vergleichen. Und ich weiss, dass vieles von dem, was ich heute bin, ohne all die Begegnungen nicht wäre und dafür bin ich mir und allem Fremden dankbar.
«Gringo»
«Fremd» bedeutet ursprünglich: entfernt, unbekannt, unvertraut. Auf meinen Reisen war ich oft fremd, wenn ich orientierungslos, ohne definierbares Ziel vor Augen, irgendwo hin ging, mich treiben liess. Oft war ich froh, wenn mir die heimischen Menschen Stütze und Orientierung waren. Um Gast zu sein, musste ich Gastgeber treffen, die sich selber sicher in ihrer Kultur bewegten, die mich in die Gepflogen-
heiten einführten, mir zeigten, was ihnen wert und heilig ist. Mich interessierten nicht nur die Sehenswürdigkeiten.
Ich habe mich immer wieder öffnen lassen, für das Unbekannte. Ich war neugierig und wollte meine eigenen Erfahrungen machen. Oft habe ich wenig verstanden und viel erlebt, ohne es einordnen zu können. Das machte mich durchlässig für alles, was nicht über die Worte oder den Verstand lief. Ich liess mich beeindrucken und die Eindrücke prägten mich zusehends. Das Fremdartige in mir begann sich heimisch zu fühlen, als würde ich auf ewig lang verstorbene Vorfahren treffen. Völlig unerklär-
bare, fast schon mysteriöse Déjà-vu-Erlebnisse waren nicht selten. Das bekräftigte mich und gab mir Boden. Indem das Unvertraute sich getraute, vertraut zu werden, wurde ich bereichert eine Art Trauung mit dem Fremden muss stattgefunden haben. Das machte mich glücklich.
Ich blieb drei Jahre in Südamerika. Je länger je mehr wurde ich mir meiner Anders-
artigkeit bewusst. Ich war, allen Versuchen zum Trotz, nie ein Südamerikaner geworden. Ich war ein «Gringo» geblieben. (Bezeichnung für alle Ausländer, kommt von «Green go home!» und galt den grün uniformierten Amerikanern). Das war gut so. Die Begegnung mit dem Fremden war geglückt, aber ich spürte die Sehnsucht nach dem vertrauten Austausch. Ich fühlte mich heimatlos. Meine Wurzeln suchten vertrauten Boden und fanden fremde Erde. Ich folgte dem Heimweh und war gespannt, was ich vorfinden würde.
Packeis
In Zürich gingen die ersten Kundgebungen der 80er-Bewegung über die Bühne. Eisbrecher pflügten sich durch das «zureiche» Zürcher Packeis und versuchten die Einheimischen aufzurütteln. Das kam mir gelegen. Ich war sofort dabei. Mein Tatendrang war gross, meine Pläne noch grösser. Ich war euphorisch.
Doch es kam alles ganz anders. Die Gesellschaft war nicht bereit, unsere Anliegen nach Autonomie und Freiräumen ernst zu nehmen. Sie fühlte sich bedroht und begann uns zu bedrohen und zu bekämpfen. Ich verstand die Welt hier nicht mehr, sie wurde mir zusehends fremder. Als die Bewegungen der Unzufriedenen langsamer wurden, lösten sich die einst im Protest Geeinten in Gruppen auf. Ich fand nirgends Anschluss, fand nirgends eine Möglichkeit, mich mit den Erfahrungen, die ich in der Fremde gemacht hatte, hier nützlich zu machen. Schlimmer noch: Kaum war die Wiedersehensfreude etwas abgeklungen, habe ich mich mit vielen, mir einst vertrauten Menschen, verkracht. Ich war fremd für sie und sie für mich.
Wie konnte ich mich für das lieb gewonnene Fremde engagieren? Ich suchte viele Sommer lang auf der Alp bei den Kühen nach einer Antwort. Ich fand einen Teil meiner Wurzeln und damit auch etwas Frieden. Wie ein erlösendes Gewitter aus heiterem Himmel zog mich plötzlich die Psychologie in ihren Bann. Ich brauchte nicht wirklich zu lernen. In ungezählten Stunden der Selbsterfahrung, in Aus- und Weiterbildungen begriff ich sie. Als ginge die Tür von selbst auf, fand ich mich bald bei den «Randständigen» unserer Gesellschaft. Sie sassen im selben Boot wie ich. Sie waren auch fremd. Das Fremde in mir fand wieder ein Gegenüber. Ich begann mich zu engagieren. Meine Erfahrungen des Fremdseins fanden fruchtbaren Boden und darauf wuchs das Vertrauen und die Annahme der am Rande Stehenden. Ich war oft überwältigt, wie sehr ich meine eigene Geschichte in der ihren entdeckte. Ich fand (m)eine Aufgabe und so einen Einstieg in die Gesellschaft ich gehörte wieder dazu. Aber wie?
Ich lebte in und für die Institutionen, mit hilfsbedürftigen Menschen, die ihr Leben aus den verschiedensten Gründen nicht mehr auf die Reihe bekamen. Wir gaben uns gegenseitig das Gefühl von Zugehörigkeit und gehörten doch nicht wirklich dazu. Die Institutionen gaben uns ein Zuhause und mir darüber hinaus noch einen Verdienst. Wenn ich nach den langen Einsätzen, die oft Tage und Nächte dauerten, in die «andere Welt» hinaus trat, beschlich mich oft ein absurdes Gefühl des Ausge-
schlossen-seins. Ein Gefühl, das ich in der Fremde nie so empfunden hatte. Dort gab es überall einen Zusammenhalt, und eine Verbundenheit untereinander war immer spürbar. Auch als Fremder wurde ich aufgenommen und gehörte sozusagen «zur Familie“. Vielleicht habe ich mir das auch eingebildet?
Einheimisch?
Bei uns beobachte ich etwas Konträres. Eine Angst hat sich unter den Ureinwohnern der Schweiz breit gemacht: wir könnten überrollt werden von den Fremden, die soviel Fremdes mitbringen. Wir könnten uns selbst nicht mehr leben. Wir könnten unsere Identität verlieren.
Mit was identifizieren wir uns denn? Was macht sie aus, unsere Identität? Schwer zu sagen für mich. Ich höre jeden etwas anderes aufzählen, wenn ich frage, auf was er oder sie stolz ist bei uns. Ich kenne ein paar Menschen sehr wenige gemessen an unserer Bevölkerung die sich mit aller Kraft für ein menschlicheres Dasein einsetzen. Ich kenne ein paar lauschige Plätzchen, an denen der Zivilisationslärm das natürliche Vogelgezwitscher (noch) nicht übertönt. Ich kenne aber auch viele Menschen, die sich im eigenen Land fremd fühlen, weil sie sich mit dem, was bei uns «normal» ist, nicht vertraut machen wollen und können. Ich treffe immer wieder Menschen, die in besagten Institutionen leben und als ver-rückt gelten, weil sie den Verlust der menschlichen Werte nicht mehr ertragen. Und ich sehe immer wieder Normale, die sich von ihren menschlichen Wurzeln haben trennen müssen, um der Normalität überhaupt gerecht zu werden. Ich selber weile in einer Art Zwischenraum. In meinem Nischendasein pflege ich ein paar mir wichtige Kontakte, die meisten stehen irgendwie mit meiner Arbeit in Verbindung, und fühle mich weder als Fisch noch als Vogel. Ich geniesse gewisse Annehmlichkeiten des Wohlstandes ab und zu mit einem leicht mulmigen Gefühl, das man auch schlechtes Gewissen nennen könnte. Manchmal zweifle ich, ob ich immer wieder Kraft und Geduld aufbringe, dem allem einen Sinn zu geben. Mit dieser Unsicherheit und Ungewissheit zurecht zu kommen, empfinde ich als Leistung.
Entwurzelt
Ich sehe auch wie der Strom der entwurzelten Menschen ständig zunimmt ein Strom, der vermehrt die schützenden Häfen der Beratungsstellen aufsuchen muss, um dort wieder Fuss zu fassen. Ich erlebe, wie bei uns Kirchen verkauft werden und dafür Beratungsstuben aller Art überall, wie Pilze, aus dem Boden schiessen. Ich selber hocke seit fünfzehn Jahren in so einer Beratungsstube und verdiene mein Geld mit den verlorenen Seelen. «You teach best, what you most have to learn.» (Du lehrst am besten, was du selbst am meisten zu lernen hast). Die meisten dieser Menschen sind auf der Suche. Auf der Suche nach sich selbst? Ihre Suche erinnert mich oft an die Menschen, die von einer «Sucht» geplagt, irgendeinem Stoff oder Gefühl hinterher jagen. Es scheint mir, als würden sie in fremd gewordenen Körpern irgendwelchen Verheissungen hinterher rennen … solange bis sie merken, dass im Bereich ihrer persönlichen Psyche etwas nicht (mehr) in Ordnung ist. Indem sie ihr Fremd-geworden-sein-in-dieser-Welt mit mir teilen, finden sie oft eigene Anteile ihrer Psyche wieder, die ihnen in den gelebten Jahren fremd geworden sind. Sich von sich selbst, von seinen menschlichen Wurzeln entfernen heisst, sich selber fremd werden. Getrauen sie sich dann mit der Zeit wieder die ihnen einst vertrauten Anteile zu umarmen, dann ist schon ganz viel Heilung passiert. Ganz-werden heisst für mich, die einem einst (als Kind vielleicht noch) vertrauten und heute (durch das Normal-
seinwollen) fremd gewordenen Persönlichkeitsanteile wieder zu integrieren und sich getrauen, das fremd gewordene Zusammenspiel wieder zu leben. Das anfängliche innere fremdenfeindliche und widersprüchliche Gezanke muss ausgehalten werden, bis wir erfahren, dass alles aus einem Guss und nichts wirklich fremd ist. Wir sind widersprüchliche Wesen und jede Persönlichkeit ist in einem gewissen Sinn «multikulturell». Irgend ein Weiser soll einmal gesagt haben: «Es gibt einen Gott. Er fürchtet nichts und ist niemandes Feind.»
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