Nr.4/06
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Zwiegespräch: Ein Paar ohne Kinder
Los der Kinderlosigkeit.
Peter Oertle und Andrea Frölich sind ein Paar Kinder werden sie nie haben können. Sind sie jetzt eine Familie zu zweit? Was, wenn nicht die Kinder hält sie zusammen?
Von Peter Oertle und Andrea Frölich Oertle
Peter
Ich war fast fünfzig Jahre alt, überzeugter Single ohne je einmal ernsthaft die Absicht gehabt zu haben zu heiraten als ich dich traf. Schon damals war auf Grund meiner Biographie (medizinisch) sicher, dass die Wahrscheinlichkeit Kinder zu zeugen, sehr gering war. (Vielleicht mitunter ein Grund für meine permanente Abneigung eine Familie zu gründen?)
Du warst achtunddreissig und damit (biologisch) in den letzten Jahren, wo du noch Kinder hättest haben können.
Als wir uns trafen, war sofort klar, dass wir heiraten werden und der Wunsch nach gemeinsamen Kindern ist in uns beiden sofort lebendig geworden. So meine Erinnerung. Wie war das für dich?
Andrea
Ja, der Wunsch zu heiraten war ohne Zweifel da und die Hoffung gross, mit dir eine Familie zu gründen. Wie das kam, da ich doch wusste, dass die Chance sehr gering war, fragst du dich jetzt vielleicht? Dazu muss ich etwas weiter ausholen und dir ein wenig vom Auf und Ab meines Kinderwunsches erzählen.
Ich bin 18. Frisch verliebt, mache meine Matura, hüte oft Kinder und mein Kinderwunsch ist riesig. «Du bist bestimmt die erste von unserer Klasse, die einmal Kinder haben wird», höre ich noch vor meinem inneren Ohr. Der Mann mit dem ich zusammen bin, einige Jahre älter als ich, möchte gerne eine Familie gründen. Doch halt, da ist noch meine Ausbildung. Erst ein Studium und dann eine Familie. Nun, das Studium habe ich abgeschlossen, zur Familiengründung kam es nicht, da wir uns vorher trennten.
Ich bin 28. Lebe mit einem Partner zusammen, der keine Kinder will. Mein Kinderwunsch ist nicht mehr so vordergründig, doch nach wie vor da. Vielleicht ändert er seine Meinung ja noch. Es eilt ja nicht, wir haben noch Zeit. Die Zeit verrinnt.
Ich bin 35. Der Kinderwunsch taucht immer wieder auf und manchmal habe ich das Gefühl, ihn meinem Partner zu opfern. Mittlerweile sagt er, ja vielleicht ein Kind, aber es ist dann deines. Will ich das wirklich? Ich möchte Klarheit darüber, was ich eigentlich will. Doch in der Hektik des Alltags bleibt wenig Zeit für eine Auseinandersetzung mit mir. Für eine Woche ziehe ich mich in die Einsamkeit der Natur zurück und setze mich mit meinem Wunsch auf den verschiedensten Ebenen auseinander. Mit der tiefen Gewissheit, dass für mich beide Lebenswege, mit und ohne Kind, lebenswert und sinnvoll sind, kehre ich zurück. Wissend auch, dass es so oder so von etwas Abschied zu nehmen gilt. Danach geht das Leben weiter wie bis anhin, die Frage wird vertagt. Hat ja noch Zeit bis vierzig.
Ich bin 37. Habe mich in dich verliebt. Ich bin angekommen. Fühle mich dir zutiefst verbunden und bin sicher, dass ich dich heiraten will. Es ist überwältigend, dass du das zum selben Zeitpunkt ebenfalls willst. Ebenso schnell ist klar, dass wir uns vorstellen können, eine Familie zu gründen. Ich weiss theoretisch, dass die Chance sehr gering ist. Doch erstmals ist sie, ohne wenn und aber, überhaupt da. Ich glaube dieser Umstand ist es, der mir die Wahrscheinlichkeit, schwanger zu werden viel höher erscheinen liess. So war ich anfangs immer wieder ganz aufgeregt, wenn meine Mens ein paar Tage Verspätung hatte und immer wieder eine stille Enttäuschung. Mit der Zeit wurde mir bewusster, wie klein die Chance auf ein Kind in Realität war. Doch sie war da, die Möglichkeit. Es wäre ein wunderbarer Zufall gewesen.
Ich bin 42. Eine Operation, die dir ein neues Leben schenkt, macht es endgültig. Wir werden keine Kinder haben. Ich bin überglücklich und traurig. Es gilt Abschied zu nehmen, ich werde nie Mutter und wir nie eine Familie sein. Ich beginne eine neue Ausbildung.
Peter
Deine Geschichte rührt mich zu meinen Tränen. Es liegt an mir. Ich hätte dir gerne ein gesundes, kräftiges Sperma geschenkt ich bin vielleicht ein erstes Mal in meinem Leben wirklich und bewusst bereit gewesen dazu. Weil mich unsere Verbindung überzeugte? Oder weil ich wusste, dass daraus eh nichts wird?
Ich bin ein Mann von ganzem Herzen. Es hätte mich mit Stolz erfüllt und heute weiss ich, dass ich gerne Vater geworden wäre mit dir. Ich bin dein Mann geworden. Das erste Mal in meinem Leben, dass ich eine so klare Verbindung eingegangen bin. Alle drei Jahre halten wir inne und überdenken unsere Wahl. Wir haben schon drei Mal «Ja» gesagt zu einander ohne Kinder. Das überzeugt mich. Es bleibt eine freie Wahl für uns beide. Kinder hätten uns, für ihr Leben lang, gemeinsam als Eltern gewählt. Ich stelle mir vor, dass sich das anders anfühlt. Ich bin glücklich und traurig aus eigenen Gründen, wie mir scheint.
Machen mich meine Gründe zum Mann?
Andrea
Diese Frage kann ich nicht beantworten. Deine Bereitschaft Vater zu werden, mit mir eine Familie zu gründen, berührt mich. Sie schafft noch heute eine Verbindung, auch ohne Kind.
Ich hänge an deinem Satz: «Es liegt an mir». Ja, vordergründig (biologisch) stimmt das. Auf einer andern Ebene, denke ich, liegt es an beiden. Denn ich habe mich bewusst und unbewusst für einen Mann entschieden, der keine Kinder haben kann und das bereits zum dritten Mal. Und, in unserer Situation habe in keiner Weise das Gefühl, meinen Kinderwunsch geopfert zu haben. Es hat nicht sollen sein.
Heute. Ich bin 44. Meine Ausbildung ist abgeschlossen. Neue Wege zeichnen sich ab. Meine Energie ist wieder frei. Sie ist gebündelt und dabei, sich auszurichten auf neue eigene und gemeinsame Ziele. Ich bin gespannt, wohin uns unser Leben noch führt und wohin wir das gemeinsame Schiff steuern? Gespannt auch, wie sich unsere «geistigen Kinder», unsere gemeinsamen Projekte weiterentwickeln.
Peter
In der Welt draussen stehen und mich frei fühlen dahin zu gehen, wo es mich gelüstet, wo ich «gerufen» werde, darin fühle ich mich «männlich». Wenn die Kinder rufen, sind die Eltern zur Stelle, denke ich mir. Die Mutter sicher, der Vater vermutlich.
Ich fühle mich berufen, das zu tun, was ich tue. Solo und zusammen mit dir. Sonst würde ich es nicht tun. Niemand ruft mich wirklich. Meine Berufungen könnten auch Hirngespinste sein, Vorstellungen, Konstrukte, nach denen ich meine Realität ausrichte. Kinder sind das nicht. Sie sind real. Ich war nie ein Hirngespinst meiner Eltern.
Es gibt niemand der mich wirklich braucht und darum fühle ich mich auch manchmal fast schon «öffentlich» auch wenn ich mich in der Gesellschaft wenig eingebunden fühle. Väter (und auch Mütter) sind es durch Schule, Verpflichtungen und alles, was mit Kindern im Zusammenhang steht.
Meine Liebe ist (materiell) weniger gebunden ich fühle mich dir verbunden und zugleich sehr frei. Du stehst für dich, auch wenn unsere Abhängigkeit durch die gemeinsamen Projekte enorm ist. Kein Seminar und nichts, was ich je geschrieben habe, hast du nicht mitgestaltet. Ich brauche dich, die Auseinandersetzung mit dir, um kreativ zu werden. Das tönt ja fast wie richtig. Mann braucht Frau zum Kinder kriegen. Ich bewege mich in einem Paradox. Vielleicht reden wir darum von unseren «geistigen Kindern»? Sie können sich jederzeit in Luft auflösen und leben nur so lange weiter, wie unsere Beziehung Bestand hat.
Andrea
Mir fällt auf, dass ich bezüglich Be-rufung an einem andern Ort stehe. Am Anfang sozusagen. Solange die Kinderfrage, wenn auch mit geringer Wahrscheinlichkeit, noch offen war, hörte ich zwei Stimmen in mir. Es gab eine Stimme, die mich daran erinnerte, dass, falls ich doch noch schwanger würde, alles wieder ganz anders sei. Diese Stimme liess mich zögern, dieses oder jenes längerfristige Ziel ins Auge zu fassen. Jetzt, nach zwei Jahren des schrittweisen Abschiednehmens und Annehmens der Kinderlosigkeit, ist die Stimme verstummt. Nun wird die andere lauter, die mich drängt mit meiner Person (nicht mit unserem Kind) in der Welt sichtbar zu werden. Dies bedeutet Veränderung. Nicht nur für mich, auch für unseren Beziehungs- und Arbeitsalltag. Was heisst es, die «Innenwelt» zu verlassen und vermehrt meiner Berufung zu folgen? Wird dann noch Zeit bleiben für gemeinsame Projekte, die ich bis jetzt im Hintergrund begleitete? Übrigens etwas, was ich sehr genoss und immer noch geniesse. Und es erfüllt mich mit Freude und Zufriedenheit zu wissen und auch von dir zu hören, dass dein Erfolg ein gemeinsames Werk ist.
Vielleicht sind deine «Kinder», die du in die Ehe brachtest, wie z.B. das «männer:art» nun «erwachsen»? Vielleicht ist es gerade der richtige Zeitpunkt, sie loszulassen und mich anderem zuzuwenden? Vielleicht bekommt nun unser «gemeinsames Kind pandrea» vermehrt Aufmerksamkeit? Oder wird meine / unsere Energie eher in je unsere eigenen Projekte fliessen?
Unterbruch (24 Std.)
Peter
Du bringst mich auf die Idee, dass ich schon länger Abschied genommen haben muss oder dass ich die Stimme, von der du schreibst, so nicht kenne. Ein Kind hätte vermutlich wenig geändert an meiner Art, wie ich auf die Herausforderungen (Rufe) reagiert habe, die an mich herangetragen wurden. So meine ich heute.
Mich beschäftigt vielmehr unsere Beziehung, die ohne Kinder lose in der Welt steht. Ich fühle mich immer wieder aufgefordert diese zu hinterfragen. Was hält mich bei dir? Kinder beantworten diese Frage selbstverständlich. Auch wenn wir uns trennen würden, wären wir gemeinsam für sie da und wir blieben ihre Eltern. Das haben wir nicht. Aus dieser Warte ist unsere Verbindung lose und daher schnell veränderbar.
Andrea
Ja, das lose in der Welt stehen beschäftigt mich auch. Nicht selbstverständlich eingebunden sein in eine Familie, in die Gesellschaft und nicht verbunden sein mit der nachfolgenden Generation. Zwischendurch löst das bei mir eine abgrundtiefe Einsamkeit aus, die sich abwechselt mit dem Gefühl einer grenzenlosen Freiheit.
Dass ich ausser meinem pflegebedürftigen Vater keine näheren Familienbande habe, verstärkt die Situation. Es gibt keine Menschen, die selbstverständlich zu mir gehören, egal ob ich mich mit ihnen verstehe oder nicht.
Mit Vaters Pflege kommt mir die Kinderlosigkeit oft in den Sinn. Wer schaut einmal zu mir, zu uns? Was heisst das für unsere Beziehung? Sind wir dadurch stärker aufeinander angewiesen oder steht das «freiwillige Beisammensein» mehr im Vordergrund? Fragen die ich nicht schlüssig beantworten kann, beides hat für mich seine Richtigkeit.
Ein weiterer Aspekt, der mich beschäftigt, ist jener der Intensität. Ich meine die Tatsache, dass sich das ganze Beziehungsgeschehen mit allen Emotionen zwischen uns zweien abspielt. Dass ich dir Persönlichkeitsanteile zumute, wie z.B. jenen der Fürsorglichen oder der kindlich Verspielten, die mit einem Kind andere Möglichkeiten des Ausdrucks finden würden. Das erzeugt Intensität, die sich auf der einen Seite in einer starke Bezogenheit, auf der andern in Isolation und Verlassenheit ausdrückt. Die Balance hängt einzig und allein von uns ab, was es manchmal einfach und manchmal ganz schwierig macht.
Peter
Wenn ich dich richtig verstehe, leben wir die Familie zu zweit. Das hat etwas. So habe ich es noch nie betrachtet. Vielleicht ist es gar so, dass sobald ich mich wirklich auf eine Beziehung einlasse, die «Familie» komplett ist mit oder ohne Kinder. Wir leben mit unseren inneren Kindern. Ein spannender Aspekt. Ein interessanter Ausgang unseres Gesprächs. Hätte nie gedacht, dass wir hier landen.
Andrea
Ich auch nicht. Vielen Dank es war aufschlussreich, spannend und hat Spass gemacht.
In einem Gespräch, zwei Tage danach, sind wir zum Schluss gekommen, dass da, wo wir aufgehört haben, wir gleich wieder neu starten könnten.
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