Nr. 4/03

Brasilien – Schweiz; eine Art Reisebericht

Ohne Kontakt keine Kooperation

Von Urwaldläufern zum Zwiegespräch. Peter Oertle, «männer:art», schlägt einen virtuosen Bogen von einem aussergewöhnlichen Event in Brasilien, über eine frei assoziierte Analyse hin zu einem gewöhnlichen Beziehungsalltag in der Schweiz.

Bei einem einheimischen Volk in Brasilien, den Xervantes, finden alljährlich Wett-rennen statt. Auf den ersten Blick scheint alles wie bei einem «normalen» Wettbe-werb in unserem westeuropäischen Sinne abzulaufen. Wenn aber einer der Läufer auf der ausgesteckten Strecke strauchelt, müde wird oder sich merklich verlangsamt, fangen die anderen ihn auf – lassen ihn in ihre Mitte gleiten und laufen mit ihm gemeinsam weiter. Die Läufer gelangen immer im «Rudel» ans Ziel. Es geht keinem der Läufer darum, den Sieg alleine davon zu tragen, sondern darum, mit all den andern am Ziel anzukommen. Ob dies nun als Wettbewerbsregel aufgestellt oder von den Läufern eingeführt wurde, weiss ich nicht mehr. Mir blieb, dass alle Männer sich mächtig ins Zeug legen und ihr Bestes geben. Und dass dieser Anlass jedes Mal zu einer überschwänglichen Feier der Männlichkeit, einer freudigen Zurschau-stellung überschüssiger männlicher Vitalität wird. Die Männer dieses Volkes müssen nicht erst beweisen, dass sie Männer sind – sie freuen sich schlicht und einfach da-rüber, dass sie Männer sind. Seit Jahrtausenden hat diese Kultur, vermutlich dank ihres Kooperationsgeistes, alle Fährnisse überstanden – sagt mann.

Anerzogene Maximen
Diese Geschichte habe ich irgendwo in den ersten Jahren meiner eigenen männ-lichen Persönlichkeitsschulung aufgeschnappt. Sie hat mich tief berührt, weil sie mit einem stark ausgeprägten Persönlichkeitsanteil von mir korrespondiert. Das Fazit dieser Geschichte oder das, was ich da hinein projiziert habe, hat mich in einen (bekannten) Clinch gebracht: Befürworten oder Ablehnen der männlichen Attribute wie Wettbewerbsgeist, Ehrgeiz und Wille zum Sieg, Tapferkeit, (Körper)Beherrsch-ung, Leistung … Viele von uns Männern wurden und werden (mehr oder weniger) immer noch dazu erzogen, diese männlichen Maximen zu erfüllen. Andere wieder werden zuhause angehalten, jegliche aggressiven Spielzeuge zu «hassen»: Gewalt ist schlecht und mann muss ihr aus dem Weg gehen. Diese Haltung kann bis in das Paradox hinein gehen, dass mann aufgefordert wird, gegen Gewalt zu kämpfen. Aus beiden Erziehungsstilen entsteht Wertung: Entweder ist das Eine gut und damit das Andere schlecht – oder umgekehrt. Es entstehen innere Parolen. Entweder «Durch-halten, auf die Zähne beissen», «Immer mehr Leistung erbringen, alle anderen über-trumpfen» oder «Lieber sag ich gar nichts» (was «ja» sagen heisst zu dem, was ist), «Ich schaffs allein, ich brauche niemanden». Allen gemeinsam ist ein Misstrauen: «Traue niemandem über den Weg, schon gar nicht einem Mann.»

Mann gegen Mann
So trifft Mann draussen auf sein eigenes (Mann)Bild. Mann kämpft gegen Mann. Alle Männer sind potenzielle Feinde. Mit diesen eingravierten Glaubenssätzen mauern Männer ihre Herzen ein und spalten ihre Gefühle ab. Wilhelm Reich schreibt zur Entstehung der männlichen «Körperpanzerung»: «?wie der geschmeidige Körper kleiner Buben sich allmählich zu schweren Gewebeschichten verhärtet, zu erwach-senen Brustplatten, einer tiefen und permanenten Festigkeit und Spannung von Hals, inneren Organen und Schenkeln führt, auch wenn der betreffende keinen
Sport treibt.»
Männer verleugnen und verraten sich. Damit sind Schuld- und Schamgefühle vorpro-grammiert: «Nichts kann ich recht machen» oder «Ich hab es wieder nicht geschafft» .Wo Männer mit solchen Glaubenssystemen und dem daraus entwachsenden Selbstwertgefühl aufeinander treffen, ist nicht viel anderes als «Krieg» möglich. Und keiner kann und will wirklich die Verantwortung und die Konsequenzen dafür tragen.
Wir sind uns vermutlich bald einig, dass in der heutigen, so genannt zivilisierten Weltordnung Kämpfen mehr gilt als Kooperieren, Gewinnen mehr als Geniessen, Schuld-zuweisen mehr als Verantwortung-übernehmen. Das heisst auch: Effizienz gilt mehr als Moral und Ethik, das Individuum gilt mehr als die Gruppe. Der Egoismus ist ausgeprägt bis zum «geht nicht mehr». Nach mir die Sintflut. So sehe ich die Haltung einer einseitig geprägten Wettbewerbsgesellschaft wie der unseren, die Erfolg im herkömmlichen Sinne verspricht. Wir sind uns vermutlich auch bald darüber einig, dass in der heutigen Welt immer noch mehrheitlich wir Männer das Sagen haben und damit an dieser «Züchtung» massgebend beteiligt sind. (Ich bin mir be-wusst, dass oft Frau (im Hintergrund) Mann in diesen «Machenschaften» unterstützt oder ihn dazu drängt und damit mitverantwortlich ist.) Was wird dann in der Erzieh-ung von Jungs so richtig falsch gemacht? Darüber streiten sich die unterschiedlich-sten Gemüter, sprich Männerforscher. Ich habe keine Kinder und darum überlasse ich diese Diskussion den Andern. Mich interessiert hier die Frage: Wie kann mann für Mann «Kooperation» im Sinne von Zusammenarbeit und Kommunikation, im Sinne eines Dialogs attraktiv(er) gestalten?
Der Gewinn eines gemeinsamen Werkes (Kooperation = Zusammenarbeit), von etwas gemeinsam Geschaffenem, ist auf den ersten Blick nicht sehr einträglich – mann muss es ja teilen, jeder bekommt nur einen Teil davon. Am Schluss des Wettlaufs der «Xervantes» würde sich niemand durch spezielle Leistung herausge-hoben haben. Keine Genialität käme an den Tag. Niemand würde den Fokus aller auf sich ziehen. Das Siegerpodest – auf welchem alle, ausser dem Sieger, zu Verlierern gemacht werden – bliebe leer. Mann würde nicht nur von einem Mann reden. Die Leistungen der andern Läufer (die oft nur ein paar Hundert-stelsekunden hinter denen des Siegers liegen) würden nicht mehr im Jubel um den Sieger verges-sen. Die «Verlierer» müssten nicht mehr nur zuschauen, wie der Sieger mit Cham-pagner übergossen wird und die ganze Welt nur noch von ihm redet. (Ich gehe hier bewusst nicht auf die Einsamkeit des Siegers ein, der ein vermutlich hartes Los zieht. Ich bin mir ziemlich sicher, dass mit «Applaus» gesund umzugehen, zu den härtes-ten Aufgaben, im Leben eines Menschen gehört. Heute interessiert mich das Gruppengefüge oder die breite Masse.)
Im Falle der Xervantes und ihrer Männlichkeitsfeier wären auf den ersten Blick alle gleich (gut). Niemand wüsste, wo er in diesem Moment wirklich steht, ausser dass mann in einer Gruppe von Männern ist. Keine Orientierung. Es wäre ein grosses Chaos, ein Durcheinander. Es gäbe keine klare Struktur, keine Ordnung, keine Rang-liste, also auch keine Kontrolle. Mann müsste sich selber eine Übersicht schaffen, sich orientieren, um sich nicht zu verlieren. Dafür müsste mann in Beziehung treten.
«Ein menschliches Wesen, das in Beziehung zu einem anderen steht, hat nur eine sehr begrenzte Kontrolle über das, was in dieser Beziehung passiert. Es ist Teil einer Zweipersoneneinheit, und die Kontrolle, die irgendein Teil über irgendein Ganzes haben kann, ist streng begrenzt.» (Gregory Bateson, «Ökologie des Geistes») Wo die Kontrolle begrenzt ist, kann «Neues» eindringen und sich damit weiter entwickeln. Zugespitzt ist erst im «Zusammen-etwas-machen», in der Beziehung, Entwicklung möglich, weil dort die Kontrolle nur noch begrenzt aus-geübt werden kann.

Jeder ist wichtig
An einer solchen Männlichkeitsfeier könnte plötzlich jeder Mann etwas Spezielles sein, (s)eine Eigenwilligkeit an den Tag legen – wenn er will. Mann müsste sich Zeit und Geduld nehmen, um heraus zu finden, wer was heute im Speziellen erlebt hat – wenn mann das wollte. Mann müsste einander tiefgründiger kennen lernen – nicht nur Beruf, Zivilstand und vielleicht noch das Alter – wenn mann das wollte. Mann wäre auf sich selbst zurückgeworfen und müsste in Aktion, sprich in Beziehung, tre-ten mit sich (was will ich?) und mit den andern (wie orientiere ich mich?). Auf einer solchen Entdeckungsreise würde mann vielleicht mitten im Gewühl den Bürger-meister entdecken. Er wäre in dem Moment einer unter vielen und mann weiss über ihn (bezüglich Wettlauf) genau gleich viel wie über die Andern. Mann wüsste nicht, ob er mitten auf der Strecke eine Schwäche erlebt hat oder ob er eine Zeit lang für zwei gerannt ist. Mann müsste hingehen und fragen. Mann müsste neugierig sein, ganz persönliche Fragen stellen und würde vielleicht herausfinden, dass auch er, wie alle Andern, etwas Spezielles erlebt hat. Dass er sich auf seine Art riesig gefreut hat, mit dabei zu sein und unter den Männern zu feiern. Mann könnte, wenn mann wollte, seine ganz persönlichen Eindrücke sammeln. Alle Männer könnten wichtig sein und der Bürgermeister wäre in dem Moment einer unter vielen. Ich vermute, dass die meisten daran interessiert wären, möglichst persönlich über sich zu erzählen – weil es im Moment «nur» das zu erzählen gibt – und es das Wichtigste ist. Jeder Einzelne hätte gegenwärtig nur noch die Wichtigkeit, die er als Individuum im Verband einer Gruppe hat. Seine Einzigartigkeit hätte nur noch den Wert, den sie für die Gruppe hat – dafür wäre mann eingebunden und getragen, wenn «schlechte» Zeiten angesagt sind. Wenn mann wahrhaftig und im Augenblick dieses Anlasses leben würde, dann würde mann wohl ganz automatisch ins Leben gerufen. Das Leben würde wieder zu dem, was es sein könnte – zu einer Forschungsreise durch die verschiedensten Persönlichkeiten. Im Gefühl von gemeinsam erlebter Atmos-phäre würde mann sich eventuell als Gruppe entdecken und den Wert einer Koopera-tion schätzen lernen. Damit wäre mann in Beziehung mit sich und seinem Umfeld. Ehrliches Interesse am Menschen ist für mich wichtigste Voraussetzung für eine Beziehung.

In Beziehung
Ich habe diesen ganzen Exkurs rund um die Geschichte der Xervantes geschrieben, um eine mögliche Grundlage für Kooperation zu schaffen – eine Hypothese also. Die heisst: Kooperation ist erst möglich, wenn mann sich seiner Individualität bewusst ist und auf dieser Grundlage mit Andern in Beziehung treten kann. Kooperation, im Sinne von Zusammenarbeit, passiert im Dialog – Mitläufertum wäre ein Monolog. Der Monolog erschöpft sich früher oder später in einer Polarisierung, welche eine Entweder-Oder-Politik fördert und meistens in einem gegenseitigen Schlagabtausch oder im «Alle-gegen-alle» endet. Kooperation braucht beide oder alle zusammen – jeden in seiner Einzigartigkeit. Damit wird das «Ganze» mehr als die Summe der Individuen, was einer Weiterentwicklung oder einer neuen Schöpfung gleich kommt. Um in einen wirklichen Dialog zu treten hat Sokrates – ein Meister des Gesprächs – für mich zwei wichtige Grundlagen herausgeschält: «Alles, was ich weiss ist, dass ich nichts weiss» Damit ist mann, ohne belastendes Wissen aus der Vergangenheit im Hier und Jetzt präsent. Alles ist neu und damit offen für die Wirkung der Wirklichkeit. Jedes vermeintliche Wissen (über den Andern) ist beziehungstötend. Wissen kommt immer «aus der Vergangenheit» und verbaut den Blick für das aktuelle Geschehen. Niemand weiss wirklich, wo mann im Augenblick einer Begegnung steht, weil niemand je zuvor in diesem Moment der Begegnung stand. Die Sehnsucht jeder «Beziehung» ist, im Moment leben zu dürfen und Nähe zu spüren. Streng genom-men wirft bereits jeder Gedanke an die Beziehung die Beziehung aus dem Erleben und damit aus der Nähe.
Weiter verliert im sokratischen Gespräch jeder eventuelle Vorsprung an Wissen seine Überlegenheitsgebärde. «Wolle nicht mehr sein als du bist; und sei der, der du bist!», meinte Sokrates und schaffte damit die zweite Grundlage für ein beziehungs-förderndes Gespräch. Wenn sich keiner erhöht, dann werden beide bald entdecken, dass mann jede Stärke auch als Schwäche sehen kann und umgekehrt. «Sieg und Niederlage, alles Betrüger», meint Reshad Field, ein Lehrer aus der Sufi-Tradition (Mystik im Islam, der anstelle vom Gehorsam gegenüber Gott, die Liebe zwischen Gott und den Menschen predigt.). Jeder Streit um «Recht-haben-wollen» entmachtet die Beziehung und macht damit Kooperation unmöglich. Der gemein-same Wille, miteinander weiter zu gehen, ist in Wahrheit subito erloschen, wenn es einen Sieger und (einen) Verlierer gibt. Jeder verzieht sich wieder in sein Kämmer-lein, «trainiert» einsam und verbittert weiter – alles nur, um nächstes Mal (wieder) zu siegen. Das macht die ganze Übung so besessen und damit unfrei. Mann ist ge-fangen in der Vorstellung, (einmal) zu gewinnen. Mann ringt in einem inneren Film um den Sieg – dadurch ist der Schmerz der Einsamkeit besser zu ertragen. Er wird weg trainiert und gut versteckt im «Muskelpack». Wenn schon Streiten, meine ich, dann um des Strei-tens Willen. Das mobilisiert Energie. Das ist förderlich. Mein Vorschlag ist, lautstark in «Kauderwelsch» zu keifen. So ist die Energie in Zirkulation und die «Worte» ver-letzen niemanden. Mann könnte statt dessen auch eine Nacht lang singend durch-tanzen oder miteinander lautstark ringen, um sich so der gemeinsam erlebten Lebendigkeit zu erfreuen. Ein kräftiger Gebrauch der Stimme hat bei all diesen Aktionen eine wichtige Funktion. Sie öffnet und putzt die Verbindung von Kopf zum Bauch – und damit den Bereich, wo die Worte oft (im Hals) stecken bleiben.

«Die Ehe ist ein langes Gespräch»
Mein Vater zitierte gerne berühmte Persönlichkeiten und manchmal wandelte er
ihre Aussprüche etwas um, so dass sie für seine erzieherischen Massnahmen und Richtlinien tauglich wurden. Der Ausspruch von Nietzsche, wonach die Ehe ein langes Gespräch sei, wurde für mich schon früh zu einem eindrücklichen Glaubens-satz, der mir später auf der Partnersuche viel Kopfzerbrechen bereitete. Vielleicht habe ich darum mit den nachhaltigen Versprechungen zugewartet, bis ich fünfzig war. (Selbstverständlich gilt Nietzsches Ausspruch in der Moderne, wo sich alles in irgendeiner Form um Kommunikation dreht, für alle Arten von zwischenmensch-lichen Beziehungen.) Sich lieben heisst sich verstehen. Das heisst verstanden werden und sich verständlich machen (können). Das verlangt auch, dass man gut miteinander reden kann. Zusammen in einen Dialog treten – kommunizieren – ist gleichbedeutend wie kooperieren.

Unverstanden
Ich wage eine wilde Behauptung, die keinerlei Wahrheitsanspruch hat – vielleicht aber zum Denken anregt: Wenn Männer fremd gehen, fühlen sie sich unverstanden zuhause. Oder: Sich unverstanden fühlen, törnt Mann (in seinem sexuellen Verlan-gen) ab. Für mich ist sicher, dass wirkliches Verstehen ganz nahe mit sex-ueller Erregung gekoppelt ist.
Michael Lukas Moeller beschreibt in seinem Buch: «Die Wahrheit beginnt zu zweit» die heilende Wirkung des Gesprächs, des Zwiegesprächs. Es war ebenfalls ein Ausspruch von Nietzsche – «Einer hat immer Unrecht; aber zu zweien beginnt die Wahrheit» – der Moeller zu seinem Buchtitel inspiriert hatte. Sich «wechselseitig einfühlbar machen» für den Andern, meint er, sei das erste Ziel des Zwiegesprächs.
Meine Frau Andrea und ich haben uns diese kleinste Form einer Selbsthilfegruppe zu nutzen gemacht und pflegen, seit Juni dieses Jahres, das wöchentliche Zwie-gespräch als wichtigen Teil unserer Partnerschaft. Wir legen einen «Sprechstab» in die Mitte des Tischs. Derjenige, der den Stab in Händen hält, hat das Sagen (kann dabei aber auch schweigen) und der andere hört einfach zu. Erst wenn der Stab wieder frei in der Mitte liegt, kann der Andere ihn zu sich nehmen und so seinen Sprechraum schützen. Nach anfänglichen Widerständen (das sei völlig normal bei Männern, habe ich bei Moeller nachgelesen) habe ich auch für mich sehr bald mehr Sinn in dieser Art von Gespräch entdeckt. Die Wirkung lässt auch im Alltag nicht lange auf sich warten. Auf der Wartebank für den Sprechstab habe ich in den ersten Wochen am meisten gelernt. All meine «spontanen», grandiosen Einwände auf Andreas erste Worte lagen brach und gingen beim Zuhören in Vergessenheit. Wenn ich mich nun nicht in meine innere Dialogwelt zurück ziehe, entsteht unweigerlich eine gefühlsmässige Berührung. Allfällige Fronten werden aufgeweicht, alles purzelt durcheinander und lässt mich einen völlig neuen Blickwinkel einnehmen. Das hat für mich jedes Mal einen verblüffenden Effekt. Wie ein Kind stehe ich mit offenen Augen da und verstehe, indem ich im Geschehen (drin) stehe.
Eine weitere Grundregel des Zwiegesprächs ist, immer und ausschliesslich von sich selber zu reden. So werde ich aufgefordert, Worte für mein Erleben im Moment zu suchen. Im Bewusstsein, dass Andrea mir zuhört, höre ich mir selber auch viel genauer zu. Irgendwelche Manöver um meine Person herum werden zunehmend uninteressant und meistens von mir selber aufgedeckt.

Dialog geniessen
Wir haben anfänglich vereinbart, dass wir das Zwiegespräch ein Jahr lang durchzie-hen wollen. Die Empfehlung Moellers: «Zwiegespräche brauchen wenigstens einmal in der Woche anderthalb Stunden ungestörte Zeit. Die Regelmässigkeit ist das Geheimnis des Erfolgs». Das heisst auch, wenigstens einmal die Woche, anderthalb Stunden kommunikativ, kooperativ in Beziehung sein. Noch keines unserer bald zwanzig Gespräche ist gleich verlaufen. Jedes hatte eine eigene Dynamik, ein anderes Schwerpunktthema und endete völlig eigenwillig – manch-mal auch un-fertig, weil wir nach eineinhalb Stunden das Gespräch stur beenden. Danach kann es sein, dass wir Distanz zueinander brauchen oder im Bett weiter «Liebe machen». Bis jetzt ist eine Veränderung nicht zu übersehen: Andrea will nicht mehr nur glück-lich sein und ich brauche nicht mehr die ständige Auseinander-setzung, um mir das Gefühl zu geben, achtsam in der Beziehung zu sein. Meine Angst, dass frau dem Frieden zuliebe die kleinen Konfliktherde ungesehen unter den Teppich wandern lassen könnte, ist bedeutend kleiner geworden. Ich atme immer wieder mal tief durch und geniesse die friedlichen Zeiten. Mit anderen Worten: Ich lasse mich viel eher in die Beziehung (hinein) fallen, was ich in der Qualität als «Dialog» erlebe. Erst jetzt, mit dieser Vergleichsmöglichkeit, merke ich, wie oft ich in Beziehungen (gegen-seitige) «Monologe» geführt habe – im, nach Moeller genannten «Doppelmonolog» gestanden bin. Mir war (unbewusst) zu gewinnen wichtiger, wie gemeinsam am Ziel anzukommen und zu geniessen.
Damit habe ich den Bogen kunstgerecht geschlossen: Von den Xervantes aus Brasilien habe ich gelernt und via Nietzsche und Moeller für unsere Kultur übersetzt. Vielleicht habe ich mit meiner Übersetzung auch den einen oder andern Leser erreicht. Jedenfalls, viel Spass beim Kooperieren und falls es dabei zum Kopulieren kommen sollte, dann freu dich schlicht und einfach darüber, dass du ein Mann bist.

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