Nr.3/06
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Trockenmauern
Querschläger geben Halt
Steine in Trockenmauern gehören zusammen sie sind berufen dazu. Peter Oertle baut Trockenmauern. Er lernt dabei aus dem geheimen Leben der Steine und zieht Parallelen zur Gesellschaft.
Von Peter Oertle
Eine meiner Lieblingsbeschäftigungen ist das Bauen von Trockenmauern. Sehe ich die Steine in naturgegebener Ordnung in einer Landschaft herumliegen, sehe ich auch bald eine Mauer entstehen. Gegenden mit Steinansammlungen haben oft etwas Ödes, Unattraktives fürs menschliche Auge die Steine zu einer Mauer zusammengefügt, so wie sie zusammen gehören, ist nicht selten eine Augenweide. Bei Trockensteinmauern muss sich die menschliche Ordnung der Natur anpassen und erst so fügen Mauern sich in natürlicher Schönheit in eine Landschaft ein. Menschliches Werk und Natur werden hier eins. Wenn ich eine bestimmte Art von Steinen sehe, reizt es mich, sie mitzunehmen. Steine üben auf mich eine Faszination aus. Wenn ich sie mit sie mit ihren Kanten, Flächen, Rundungen genauer betrachte, erfasst mich eine Ahnung, wie sie auf- und zueinander passen könnten. Es kommt einem echten Verzicht gleich, wenn ich es nicht sofort, an Ort und Stelle, ausprobie-ren kann. Schon öfters habe ich mich gefragt, wie weit die sprachliche Wurzel mei-nes Namens, im italienischen «pietra» oder im französischen «pierre», für diese Passion zuständig ist. Vielleicht verpflichtet ein solcher Name? Meinen Eltern gefiel der Name «Peter», weil es für sie ein wahrhaftiger Bubenname war. Woher meine Affinität zu den Steinen? Fällt sie mir zu und ist es damit einfach ein Zufall?
Herumliegenden Steine stehen für mich in einer Beziehung zueinander: Eine Art von Gewissheit durchflutet mich oft, wenn ich durch eine steinreiche Gegend wandere. Ich finde auch überall Steine, die mir gefallen. Da diese Steine sich selten zum Bauen eignen schmücke ich damit meine Zimmer- und Balkonpflanzen.
«Es war einmal ...» so beginnen alle Märchen «... ein einziger grosser Fels.» Nichts und niemand wagte an diesem Urgestein zu rütteln. Irgendwann einmal, vielleicht durch eine Erschütterung, löste sich ein Stück und sprang davon. Dem Vorbild folgend, lösten sich weitere Stücke. So wurden nach und nach die Steine geboren, alle aus dem einen grossen Urfels. Es kommt mir so vor, als trüge ich die Idee dieses Urfelsens in mir. So wie ich mir sehr gut vorstellen kann, dass alle Menschen von einem einzigen grossen Urmenschen, einer Art Urseele, abstammen.
Wenn ich nun Trockenmauern baue, folge ich irgendwie einem verborgenen Plan des Urgesteins. Einem Sog ähnlich, versuche ich seine ursprüngliche Natur wieder herzustellen. Mir fällt auf, dass ich beim Bauen immer an Menschen denke. Ich führe mit den Steinen Gespräche, wie ich sie mit Menschen führe. Ihre Antworten sind mir meistens ein Aus- und Einblick auf Seiten, Kanten und Rundungen, die ich im ersten Moment nicht gesehen habe. Wie die Menschen tragen auch die Steine die Ant-worten auf die Entscheidenden Fragen bereits in sich. Aus den verschiedenen Winkeln betrachtet, zeigen mir jetzt die Steine die unterschiedlichen Möglichkeiten, wie sie gesetzt werden können. Meistens gibt es einen Lieblingsplatz und eine optimale Stellung ähnlich dem Menschen, der sich zu einer bestimmten Aufgabe berufen fühlt?
Wenn ich Menschen kennen lerne, was auch ein wesentlicher Teil meiner Arbeit ist, sehe ich vor meinem inneren Auge bald einmal, welche Menschen zu welchen passen würden. Das ist ein natürlicher, fast automatischer Blick wie beim bauen von Trockenmauern.
«Perché non prendi cemento?»
Vor gut zwanzig Jahren lebte ich für knapp drei Jahre in Norditalien, im Trentino, Alto Adige. Das Haus, das mir ein italienischer Freund aus der Schweiz zur Verfügung stellte, stammte zum Teil aus dem zwölften Jahrhundert. Rund herum lagen, an steiler Hanglage, zirka zwei Hektaren Land, welche die letzten zwanzig Jahre nicht mehr genutzt worden waren. Eine Wildnis überdeckte das mit Abfall übersäte Gelände. Ohne Plan begann ich zu graben und trennte Erde, Müll und Steinbrocken. Bald lag eine ansehnliche Menge Steine auf dem umgegrabenen Land und drohte, ins Tal zu rollen. Mir war klar, dass Mauern gebaut werden mussten, also fing ich an.
«Perché non prendi cemento?», war die Frage die ich täglich von den italienischen Dorfbewohnern hörte. Es war für sie unvorstellbar, dass ich ohne Zement Mauern baute. Mir schien, als wären sie beleidigt, dass ich diese grosse Errungenschaft der Zivilisation verschmähte. Mit dem «muratore» vom Nachbarhaus hatte ich öfters heftige Streitgespräche, wenn ich ihm die Vorteile der Trockenmauern erklären wollte. Ich erzählte ihm vom Leben einer solchen Natursteinmauer: Dass Mauerober-fläche und Spalten vorübergehend oder dauernd von Klein- und Kleinstlebewesen bevölkert sind. Eidechsen, Blindschleichen, Schlangen, kleinere Vögel und sogar gewisse Marderarten suchen mit Vorliebe in den Mauerlöchern Schutz. Als Pioniere wachsen allerlei Flechten und Moose auf den Steinen und in den Spalten. Sie bilden die Grundlage für viele andere Pflanzenarten. Für Botaniker sind alte Trockenstein-mauern wunderbare Mikrosmen. Sie finden immer wieder Seltenheiten. Mir gefallen die kleinen Farne, Hauswurze und feinen Blümchen, die bald einmal aus den Ritzen wachsen. Sie schmücken das Mauerwerk fürs Auge. Zudem überleben gut gebaute Trockenmauern Betonmauern bei weitem. Sie halten dem Erddruck und den Erd-erschütterungen viel besser stand als die starren Betonmauern. Trockenmauern bewegen sich, sie leben mit. Luigi, der Maurer, ging mir nach meinen enthusiasti-schen Plädoyers jeweils für längere Zeit aus dem Weg. Für das Fünfhundertseelen-dorf war ich «il matto dalla Svizzera», der Verrückte aus der Schweiz.
Neben dem Haus gab es zur Strasse hin eine grosse Stützmauer. Sie war zwischen drei und fünf Meter hoch und zirka zehn Meter lang: eine Trockensteinmauer nach alter Väter Sitte. Einzelne Stellen hatten über die Jahrzehnte leichte «Bäuche» bekommen, ähnlich wie vielen Menschen auch. Als ich anfing, die problematischen Partien dieser Mauer abzubauen, um sie im alten Stil wieder aufzubauen, geriet der Dorffrieden ins Wanken. Selbst Giorgio, mein Freund aus der nahe gelegenen Schreinerei, schüttelte den Kopf und meinte, dass ich doch besser etwas Zement nehmen sollte, um die Fugen auszukitten wenigsten das! Aber ich liess mich nicht von meine Vorhaben abbringen. Für mich wäre dies einem Verrat an den wunder-vollen Steinen gleich gekommen und so als würde ich Menschen in einem Raum einsperren als würde ich sie gegen ihren Willen zwingen, zusammen zu bleiben. Mein eigener Freiheitsdrang und meine Liebe zum autonomen Menschen sprang an dieser Stelle auf die Steine über. Sie haben ein Recht auf ein ungezwungenes Dasein mit denjenigen, die ohne künstlichen Bindestoff zu ihnen passen! Das steht in den ungeschriebenen Steinrechtskonventionen, die ich irgendwie verinnerlicht habe. Beim Abbruch dieser alten Stützmauer kamen schöne Bruchsteine zutage. Darunter fand ich wunderbare Bausteine (Läufer), Binder und Decksteine, dass ich mir auch nicht vorstellen konnte, Zement hätte mir da einen Dienst erweisen können.
Läufer, Binder, Füllsteine ...
Im Normalfall baut man doppelwandige Mauern. Mit den Bausteinen werden die beiden gegen oben zusammenlaufenden Wände gebaut. Die Binder machen die Verbindung zwischen diesen beiden Mauern. Dazwischen füllt man Schotter oder Füllsteine. Den Abschluss machen die Decksteine. Dafür verwende ich am liebsten flache Platten. Die Fundamentsteine habe ich an dieser alten Mauer nicht angerührt. Diese hatten unmenschliche Dimensionen und waren noch an Ort und Stelle unverrückt, auch nach Jahrhunderten.
Unter den fünf Bausteinarten gehört meine Faszination den Bindern. Das müssen, nach meiner Erfahrung richtig gute «Querulanten» sein. Die können stark verdreht und unförmig sein je unförmiger sie sind, desto besseren Halt geben sie. Sie stabilisieren das Gefüge. Sie halten die beiden Wände der Mauer zusammen und verhindern, dass diese auseinander driften. Sie müssen, laut «Trockenmauern-regel», mindestens fünf Zentimeter aus der Mauer ragen, also einen «Auswuchs» zeigen. Dadurch bleibt ihre bindende Funktion auch dann erhalten, wenn sich die Mauer im Laufe der Jahre setzt und dadurch meistens etwas breiter wird. Binder müssen absolut fest sitzen und dürfen nicht mehr wackeln.
Ich habe mich immer sehr verbunden gefühlt mit ihnen. All die Menschen, die quer in der Gesellschaft liegen, geben ihr den Halt auch wenn die meisten Menschen dieser Sichtweise heftig widersprechen würden. Erst die «quer» Liegenden geben den Andern eine gültige Norm und umgekehrt. Erst die Ausnahme bestätigt die Regel. Sie bedingen sich und machen zusammen eine Gesellschaft aus. All diejeni-gen, die keine «Binder» sind, sind Bau- oder Füllsteine, vielleicht auch Fundament- oder Decksteine. Letztere gehören ebenfalls zu den weniger üblichen Formen. Leider müssen in einer Gesellschaft die «Queren» oft büssen, werden beschimpft oder gelten als verrückt und werden an den Rand gedrängt. Die «guten» Bürger müssten ihnen eigentlich dankbar sein, Respekt entgegen bringen. Denn sie haben so die Möglichkeit, all das zu leben, was sie für «gut» empfinden und den «Rand-ständigen» all das zuzuschieben, was sie selber nicht ausstehen können. So sorgen die Wenigen am Rande dafür, dass die Masse stabil und ruhig bleiben kann. Anpassungsversuche an gesellschaftliche Normen können daher nur fehlschlagen. Es muss sie geben und hat sie immer gegeben, die «Querulanten» oder Binder, sonst würden die guten alten Mauern nicht über Jahrhunderte halten. Das kann man alles beim Bauen von Trockenmauern lernen.
Welt der Binder
Über gute Binder freue ich mich immer. Man findet sie selbst im Steinbruch selten. Dass an einem Ort zu viele Binder auftauchen, habe ich noch nie erlebt. Vielleicht hätten diese sogar eine Mauer instabil gemacht, ähnlich wie es in einem Gesell-schaftsgefüge auch passieren kann: dann zum Beispiel, wenn eine Angst einflös-sende Stimmung die «braven» Bürger weckt und ihnen ihre eigenen Anteile der «Randständigkeit» bewusst macht. Dann werden plötzlich die Wenigen mehr und können sogar überhand nehmen. Dann ist der Frieden definitiv gestört.
Ich habe auch schon, ganz gezielt, aus grossen Bausteinen mit dem Vorschlag-hammer Binder machen wollen. Das kann einigermassen gut gehen, aber meistens sind die wirklichen Binder, die von der Natur geformten, viel besser. Sie sind, wie sie sind. Die Geschlagenen sind oft geschwächt und zeigen daher kein natürliches Verhalten sie sind es nicht gewohnt, als Binder zu funktionieren.
Die faszinierende Welt der Binder kennt noch ein Phänomen, das mich immer wieder aufs Neue fordert. Aus der Sicht des Mauerbauers, der durch eine steinige Gegend spaziert, kann ich problemlos Fundament-, Bau-, Deck- und Füllsteine erkennen. Die liegen mehr oder weniger offensichtlich herum. Die Binder hingegen finde ich erst, wenn ich mich entschieden habe, eine Mauer zu bauen und mich konkret auf die Suche nach ihnen mache. Erst dann habe ich vielleicht eine Chance, einen wirklich passenden «Querulanten» zu finden. Ich kann erahnen, dass dieser oder jener sich vielleicht einmal anbieten könnte doch Gewissheit werde ich erst haben, wenn ich ihn brauche. Durch ihre Unförmigkeit und Grösse sind sie auch meistens schwerer und man sammelt sie nicht einfach im Vorbeigehen. Eine enorme Präsenz im Hier und Jetzt ist gefragt. Dazu ist es oft ein grosser Kraftakt, einen Binder zum Bauort zu schleppen und ihn sanft auf die Mauer zu legen. Die Versuchung ist gross, ihn einfach fallen zu lassen und ihn danach herum zu schieben. Darunter leiden aber meistens all die darunter liegenden Steine. Die «Queren» in ein bestehendes Gefüge einzupassen, braucht Präsenz, Kraft und Fingerspitzengefühl. Seit ich das alles «begriffen» habe, schaue ich allen Menschen tief in die Augen und finde so immer mal wieder wahre «Binder» unter den «brav» ausschauenden Bürgern. Auch sie offenbaren sich erst, wenn sie gebraucht werden und zeigen dann ihren wahren Nutzen. Unsere alljährliche Velotour wird mich dieses Jahr in die Gegend des «Alto Adige» führen. Ich werde an der besagten Mauer vorbei fahren und schauen, wie stabil das «gesellschaftliche» Mauergefüge sich heute verhält, das ich vor mehr als zwanzig Jahren gebaut habe. Vielleicht kann ich noch etwas dazu lernen.
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