Nr.2/06
|
|
Zurück ins Paradies!
Muss kosntra Musse und Muse
Seit der Vertreibung aus dem Paradies sind wir dazu verdammt, machen zu müssen statt sein zu dürfen. Ein Ausweg wäre möglich, aber Peter Oertle zweifelt, ob wir bereit sind, den Preis dafür zu bezahlen.
von Peter Oertle
Wer mit den Augen der Andacht geschaut,
wie die Seele der Erde Kristalle gebaut,
Wer die Flammen im keimenden Kern gesehn,
im Leben den Tod, Geburt im Vergehn
Wer in Menschen und Tieren den Bruder fand
und im Bruder den Bruder und Gott erkannt,
der feiert am Tisch des heiligen Gral
mit dem Heiland der Liebe das Abendmahl .
Er sucht und findet, wie Gott es verhiess,
den Weg ins verlorene Paradies.
Manfred Kyber
Eine Blume blüht irgendwo am Wegesrand. Sie tut nichts, will nichts, ist für nichts nütz. Sie schmückt für diejenigen Menschen, die sie beachten, den Rand des Weges und das nur solange, bis sie verwelkt, zertreten oder gepflückt wird. Sie wechselt irgendwann ihre Daseinsform, kehrt irgendwohin zurück und wird zu Humus. Mit uns Menschen passiert eigentlich etwas ganz Ähnliches. Irgendwann werden wir sterben oder der Planet wird untergehen ob wir wollen oder nicht. Mit jedem Augenblick, den wir leben, streben wir, mehr oder weniger schnell, dem Tod entgegen. Keiner weiss, wie schnell.
Was macht aber das menschliche Leben so anders? Wir suchen und wollen und machen und fragen und kämpfen für …? Für was denn eigentlich? Für unser Überleben?
Es scheint, als seien wir dazu verdammt, etwas tun zu müssen nur um leben zu dürfen?
War das immer so? Die Bibel sagt, dass es im Paradies anders war.
Ist das eine Mär ohne Bedeutung?
Die Blume lebt noch im Paradies oder in einem paradiesischen Zustand. Sie ist einfach da, ohne irgendjemanden auf diesem Planeten zu fragen.
Ich gebe zu, dass ich noch nie aktiv eine Blume gefragt habe und doch bin ich mir sicher, dass sie weder in der einen noch in der anderen Daseinsform einen Sinn sucht, etwas bezwecken will, also irgendetwas anderes tut als da zu sein.
Ein permanenter Müssiggang, ein Gang (oder eher ein Stand) mit oder in Musse.
Der etymologische Ursprung des Wortes «Musse» kommt von «die Gelegenheit oder Möglichkeit haben, etwas tun zu können». Musse und Müssen verhalten sich also komplementär; Musse ist so ziemlich alles, was nicht Müssen ist.
Ich komme mit Freiheit in Kontakt, wenn ich mich einlasse auf das, was ich schreibe.
Freiheit das zu tun, was man auch lassen kann … oder das zu wollen, was man muss … oder die Möglichkeit haben, «es» tun zu können, also Musse haben, anstelle von «müssen». Wer möchte das nicht? Was hindert uns daran?
Der Clochard, der sich mit Gelegenheitsarbeit durchs Leben schlägt, lebt eigentlich die Möglichkeit, dann zu arbeiten, wenn sich die Gelegenheit ergibt. Sobald er aber kein Geld mehr hat, sein Brot oder Bier zu bezahlen, «muss» er plötzlich. Wo bleibt da die Freiheit?
Freiheit und Musse können nur innerhalb einer Struktur entstehen. Struktur ist das «Muss» der Freiheit und der Musse. Und genau dasselbe «Muss» kann Freiheit und Musse töten, wenn es nicht aus freiem Willen geschieht.
Müssiggang zwingt den Müssiggänger dazu, sich pausenlos zu entscheiden. Mann ist ständig aufgefordert, sein eigenes Gesetzbuch zu befolgen, seine Befindlichkeit, seine Gefühle und eigenen Normen wahrzunehmen, herauszufinden, was mann will und es dann noch zu tun. Um nicht aus der Gesellschaft zu fallen oder ausgestossen zu werden, muss das eigene Gesetzbuch mit den Gesetzesbüchern der Gesellschaft in einem lebendigen Austausch stehen. Diese Aufgabe ist meistens fast aussichtslos, speziell dann, wenn mann in keine gesellschaftliche «Schublade» passt oder eigenwillig ist.
Bis heute hat die Wahrnehmungsschulung für die persönlichen Bedürfnisse in unseren Schulen keinen Platz. Da wird uns gelehrt, was «man» will, was normal ist gleichgültig, ob die Normalität gesund oder lebensfeindlich ist. Vielmehr schreibt man dem Mann vor, was er tun muss und was er nicht tun darf. Eigenständige oder gar eigenwillige Entscheidungen sind wenig bis nicht gefragt.
Fällt nun, wie beim Müssiggang, diese (äussere) Struktur, all die Normen, Ver- und Gebote, die auch Sicherheit verleihen weg, kann mann schnell in eine Orientierungslosigkeit abgleiten. Die Gefahr, dabei in eine Passivität zu versinken, ist gross. Das in Musse «Gehen» ist ein wichtiger Bestandteil im Müssiggang. Dazu ist mann aufgefordert, eine innere Struktur zu entwickeln und ständig zu stärken. Wenn nicht, kann entweder der innere «Zeigefinger» penetrant werden oder irgendwelche Gesetzeshüter werden aufmerksam bis aufsässig und greifen ein.
Ich erlebe immer wieder nicht zu letzt auch bei mir selber wie so manch selbständig Erwerbender seinen inneren «Sklaventreiber» viel stärker spürt als ein Angestellter. Die Angst, ganz allein für seine Entscheidungen verantwortlich zu sein und dann vielleicht zu merken, dass sie nicht das bringen, was mann sich erhoffte, ist nicht zu unterschätzen. Niemandem die Schuld zuschieben zu können, selber der «Arsch» zu sein, kann einsam machen.
Der Müssiggang steht vielleicht deshalb in unseren Breitengraden in Verruf. Wir sind so stark eingebunden in Normen, dass ein Aussteigen mit dem Fall in einen luftleeren Raum verglichen werden muss. Und trotzdem wird der Wunsch, einfach da zu sein, ohne irgendetwas zu müssen ausser vielleicht bei denjenigen, die unfreiwillig dazu verknurrt sind immer wieder (heimlich?) geträumt.
Wie viele haben sich diesen Wunsch schon über eine längere Zeit verwirklicht? Schmarotzer! «Wenn das alle tun würden?» Wie oft habe ich diesen Satz in den vielen Jahren meines «Freak-Daseins» hören müssen? Warum werden Müssiggang und Schmarotzertum überhaupt miteinander in Verbindung gebracht?
Sind alle Pflanzen Nichtsnutze? Nein, diejenigen, die wir essen oder für irgendetwas brauchen können, sind es bestimmt nicht. Vermutlich werden deswegen «unnütze» Pflanzen von uns Menschen meistens als Unkraut bezeichnet und damit als minderwertig gesehen? Sobald Pflanzen (ähnlich bei Tieren) einen Nutzen für den Menschen haben und Geld einbringen, bekommen sie einen Wert ergo hängt der Wert einer Sache vom Nutzen ab. Ein bekannter «Kräuterdoktor» soll einmal gesagt haben: «Wenn wir den Wert der Brennnesseln erkennen würden, würde sie bald unter den zu schützenden Pflanzen figurieren» bis heute ist sie für die meisten Menschen ein Unkraut.
Woher kommt diese Haltung dem Leben gegenüber?
Wer weiss denn schon, was für was wirklich von Nutzen ist?
Das Paradies
«… Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und er eine Lust für die Augen und ein begehrenswerter Baum sei, durch den man klug werden könne. So nahm sie von der Frucht, ass davon und gab auch ihrem Mann neben ihr, und er ass auch. Da ging ihnen beiden die Augen auf und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, das heisst sie erkannten, dass sie Mann und Frau waren und wurden sich ihrer Unterschiedlichkeit bewusst.» (zitiert aus der Bibel)
Ich behaupte, der «Fall aus dem Paradies» ist «schuld» daran. Wir wurden verführt, und das Paradies bleibt damit verschlossen. Ungerechtigkeit oder Chance?
Das Paradies benutze ich als Analogie für eine unbewusste, unteilbare Einheit, vielleicht den Ursprung allen Lebens. Mindestens auf der menschlichen Ebene könnte man den Mutterbauch ausmachen, aus dem wir alle kommen. Nicht mal selber atmen brauchten wir dort, wohlig eingebettet im Schoss der Mutter, nur zu sein.
Dann die Geburt, der «Fall» aus der Einheit. Mann wird von der Mutter getrennt und damit beginnt die «Ver-zwei-flung». Ein natürlicher Prozess des Mensch-seins. Der erste Atemzug läutet den Prozess ein, der uns unweigerlich und unaufhörlich immer näher an den Baum der Erkenntnis bringt. Irgendwann dann der Griff nach dem (verbotenen?) Apfel der Erkenntnis. Dieser Schritt ist unumgänglich ob er von aussen initiiert wird oder nicht wenn wir weiter (leben) wollen. Der Apfel schmeckt je nach Alter und Entwicklungsstand mehr oder weniger. Der Genuss löst ein lebenslanges «Verdauen» aus. Die Sicht auf «Gut» und «Böse», auf die Polarität des Lebens, wird sich mit fortschreitendem Dasein unweigerlich und immer klarer ins Bewusstsein drängen. Wir sind verloren. Die Tore zum Paradies sind zu. Die Erkenntnis hält sie verschlossen. Daran lässt sich nichts ändern. Verzweiflung macht sich in der Neuzeit bei immer mehr Männern / Menschen breit. Kein Wunder, wenn an jeder Strassenecke für das «unbedingte Heil und Glück» geworben wird. Bald jede Werbung verspricht irgendwelche paradiesischen Superlative, während die Welt immer mehr in extreme Polaritäten zerfällt. Die Fronten verhärten sich, die Extreme finden immer weniger zusammen und kriegerische Auseinandersetzungen beherrschen den Planeten. Der sehnliche Wunsch nach dem «Paradies» scheint in der Realität zu versinken, auch wenn sich viele Event-Veranstalter grosse Mühe machen, den «verbrannten Kuchen» ununterbrochen mit «Puderzucker» zu bestreuen. Wer auf die Schnelle hinschaut, der sieht, dass wir handeln müssen. «Musse» scheint im Moment nicht angesagt zu sein. Oder könnte genau «Musse» uns «retten»?
Seit dem «Fall aus dem Paradies» hat sich in unserer christlichen Kultur tief verankert, dass die Frau und damit das «Weibliche» das «Böse» in sich trägt. Der Mann und damit das «Männliche» wäre er nicht verführt worden ist an und für sich «gut». Damit ist der Kern der Geschichte geschrieben, der bis heute unsere Gesellschaft prägt. Mir geht es hier aber nicht um «Mann» und «Frau». Ich sehe die Analogie und die «Prinzipien» oder Eigenschaften, die darin verborgen liegen. Tatsache ist, dass in unserem einseitig traditionell männlichen Gesellschaftssystem das «männliche Prinzip» gestärkt und hoch bewertet, das «weibliche Prinzip» geschwächt und abgewertet wird. Das heisst, «männlich» und «weiblich» konnotierte Eigenschaften sind nicht gleichwertig. Aktivität, Leistung, Wettbewerb, Selbstbehauptung, logisches Denken und Zielgerichtetheit sind «männlich» konnotiert. Sie zählen in unserer Kultur mehr als Passivität, Musse, Kooperation, Beziehungsfähigkeit und zyklisches Denken, Eigenschaften, die dem «Weiblichen» zugeschrieben werden.
Durch die Überbetonung der so genannt «männlichen» Eigenschaften bestimmt ein ununterbrochener, einseitiger Fortschritt die Welt. Die Welt wird weiter unter einer physischen und psychischen Überforderung stöhnen, weil nur «machen» einen Wert hat, Erfolg klar definiert ist. Wird die eine Seite überhöht und aufgewertet, geschieht das meist auf Kosten der andern Seite. Prozessorientierte Zyklen werden nicht zugelassen. Müssiggang, Muse, Ruhephasen, unproduktive Zeiten sind verdächtig mann könnte sich von der Arbeit drücken, als Schmarotzer gesehen werden. Da Männer, wie Frauen beide Prinzipien (Eigenschaften) in sich tragen, sind sie auch beide betroffen. Dieses Leistungssystem wertet alle ab, die der «anderen Seite» des Lebens mehr Raum geben möchten. Die «männlich» und «weiblich» konnotierten Eigenschaften werden so zu Gegensätzen statt zu Ergänzungen. Gleichwertigkeit rückt in weite Ferne. Vielleicht könnten uns aber die «weiblich» konnotierten Eigenschaften den Life-Teil zum Work-Teil geben und so zur Work-Life-Balance führen?
Das «Muss» der Musse würde das Zulassen und Kultivieren des Müssiggangs bedeuten, würde bedeuten, dass man(n) wieder Zeit hätte, hinzuspüren, was man(n) möchte, was gesund und lebenswert ist. Und vielleicht würde man(n) dann wieder vermehrt von der Muse geküsst.
Wie würde sich das anfühlen? Der Weg würde «zurück» in die Zukunft führen aber nicht in den unbewussten Zustand im «Mutterbauch», sondern in eine bewusste unteilbare Einheit. Dieser Pfad könnte uns vielleicht ein Fenster auf eine Art «bewusstes Paradies» öffnen, das mit der Erkenntnis von «gut» und «böse» oder vielleicht nur darum lebbar wäre. Das wäre dann quasi das «Paradies auf Erden».
Ich ahne, dass der Weg dahin steinig ist. Der Verzicht auf die «Dividenden» auf all die Vorteile dieses einseitig traditionell «männlichen» Systems würde allen schwer fallen. Speziell für uns Männer würde dieser Gang eine ganze Palette ungeliebter Gefühle mit sich bringen. Die meisten davon sind mit Hilflosigkeit und Ohnmacht verknüpft. Vielleicht ähnliche Gefühle, die man(n) in Todesnähe erleben kann.
Die meistens tief verankerte Meinung, dass wir (Männer) alles im Griff haben, würde subito zu einem kläglichen Hoffnungsschimmer zusammen schrumpfen. Ich glaube, dass wir im Wissen um unsere Wichtigkeit lernen müssten, unsere Nichtigkeit mit einzuschliessen. Das heisst, wir müssten lernen, der Realität in die Augen zu schauen und gewahr werden, dass unser Überleben von lauter «Zufällen» bestimmt ist, die uns in weiser Gnade immer noch «zufallen». Ich schreibe bewusst in der Möglichkeitsform, weil ich wenig Hoffnung habe, dass wir als Menschheit freiwillig diesen Schritt machen. Sollten wir dazu gezwungen werden, wäre das vermutlich für uns alle ein sehr schmerzhafter Prozess eine Art Hiobsgeschichte für die Menschheit UND vielleicht hilft der unbändige Herzens-Wunsch nach Müssiggang, die «Langsamkeit» (neu) zu entdecken? Vielleicht erwacht aus der unerträglichen «Leichtigkeit des Seins» der Wunsch nach Wahrhaftigkeit und Menschlichkeit? Vielleicht hat plötzlich derjenige «Erfolg», der den Weg zum Ziel macht?
Dalai Lama hat einmal gesagt: «Messe deinen Erfolg an dem, was du dafür hast aufgeben müssen». Damit wird jeder «Erfolg» zuerst einmal entschleunigt, der «Preis» wird sicht- und vielleicht sogar spürbar. Damit werden viele «Erfolgsgeschichten» in ein neues Licht ver-rückt. Andere werden entschädigt, die wenig oder keinen «Erfolg» haben weil sie Zeit haben, zwischenmenschliche Werte zu pflegen, weil soziales Engagement, Verbindlichkeit und Umweltbewusstsein wieder einen Stellenwert bekommen, weil plötzlich wieder Musse da ist und so vielleicht der Muse einen Platz eingeräumt wird.
Rettet die Welt im Müssiggang, müsste das neue «Credo» sein.
So könnten wir lernen, das Wichtige vom Dringenden zu unterscheiden. Und so hätte ich dann vielleicht die Chance, die Blume zu entdecken, die am Wegesrand vor sich hin blüht, einfach so.
|