Nr. 2/04

Peter Oertle ist einem Trugschluss auf der Spur

Schöne Eitelkeit, eitle Schönheit

Die scheinbar unauflösliche Verbindung von Schönheit und Eitelkeit ist auflösbar, meint Peter Oertle. Seine These: Sich selber jenseits des Vergleichs mit Andern schön finden lernen, heisst, der Eitelkeit ein Schnippchen zu schlagen.

von Peter Oertle

Das Thema dieser Nummer ist mit Sicherheit nicht mein «Ding» – an der Re-daktionssitzung habe ich, was selten vorkommt, zu leise dagegen opponiert und auch keinen überzeugenderen Gegenvorschlag bringen können. Als «Alternativer», keine Alternative auf Lager zu haben, war das Eine. Zum Andern reizte es mich, meine Widerstände in Worte zu fassen. Wo Widerstand ist, da ist Leben!

Zu lau
Für die «heissen Typen» war ich, in meiner Zeit, zu wenig «heiss». Mir fehlte es an der beschlagenen Lederjacke, an der richtigen Jeansmarke. Und später mit dem Auslaufmodell meines Velosolex habe ich den «Hell’s Angels» auf ihren heissen Öfen auch keinen Eindruck gemacht. Anfänglich galt ich als «Wiiberschmöcker», war ständig zu kränklich, um als Sportstyp Karriere zu machen. Später, in der bewegten Zeit der «68-er», wurde ich lediglich als «Edelfreak» akzeptiert. Um mich auf dem Laufsteg mit den «schönen Männern» zu messen, waren meine Beine zu kurz, meine Oberschenkel zu dick und meine Haut zu unrein. Die Schön-heitschirurgie entdeckte den Mann erst viel später als Zielgruppe. Sich zwischen Stuhl und Bank zu bewegen – weder «heiss» noch «schön» zu sein als «Bueb», Jüngling und Mann – war auch dazumal ein mit Felsbrocken belegter Weg. Ich übte mich fleissig, «nega-tive Anerkennung» einzuheimsen. Als hätte alles Übel nur auf mich gewartet, zog ich es auch magnetisch an. Ich war mir allerdings nicht bewusst, dass ich schon damals der Zeit voraus war – denn heutzutage zieht kein Mittel Männer so nachhaltig in die Schlagzeilen wie das der «negativen Anerkennung». Ich war einerseits voller Scham und andererseits stolz, wenn man mit vorgehaltener Hand über mich geredet hat. Sicher ist, dass ich mich mit all den üblen Schlagzeilen in der Hirnrinde meines Vaters eingraviert habe. Er hat mir, bis zu seinem Tode, meine «Schandtaten» als Doppelbotschaft vorgehalten – immer war auch eine leise Bewunderung zwischen den Zeilen zu hören. Oder vielleicht wollte ich das einfach auch hören? Ich blieb mir und dem «enfant terrible» treu – und war gleichzeitig beleidigt, wenn mich niemand von meinen Freunden oder Verwandten als «Götti» für seine Kinder anfragte.
«Die Geister, die man einmal rief, wird man so schnell nicht wieder los» – so heisst es bei Goethes Zauberlehrling . Eine gute Weile gesellte ich mich zu denen, die keiner Gruppierung angehören wollten. Ich war mir nicht bewusst, dass ich mich mit meiner Solidarität für die «Gruppenlosen» dieser Gruppierung anschloss. Bald darauf merkte ich, dass es auch bei den «Gruppenlosen» heisse Typen und schöne Männer gab – diejenigen, die von uns implizit «auserwählt» wurden. Eine Art Wettbewerb oder eher eine (Ein)Ordnung ist vermutlich lebensnotwendig. Ich habe bis heute – abgesehen von meiner Nationalität als Schweizer, der Spezie Mann und Mensch – noch keine wirkliche Zugehörigkeit gefunden, in der ich mich als Indivi-duum wiederfinde und wohl fühle.
Wenn ich mich vergleichen will, ins Ab- oder Aufwerten gerate, dann merke ich
wie ich im «Abseits» stehe und leer laufe – ich habe keine wirklichen Vergleichs-möglichkeiten. Was und wer ist mein Massstab? Wer sagt mir, ob ich «heiss» oder «schön» bin? Ich bin gezwungen, mich selbst zu definieren. Auf meiner Odyssee, «zu mir nach Hause», gibt es Erlebnisse, die wie Eckpfeiler meine Suche bewachen. Erlebnisse, die mich lehrten, dass es hohe Tribute erfordert, gesellschaftlichen Definitionen zu folgen. Ich habe mich belehren lassen – und lebe dafür seit längerer Zeit mit einer Ungewissheit, die manchmal schwer zu ertragen ist.

Der heisse Typ
«Es gibt tatsächlich Männer, die wollen nur mit einem Menschen schlafen – und das, mit dem, den sie lieben.» (Sam Keen)
In meinen späten Sturm- und Drangjahren habe ich mich einmal im SAZ (Schweizer SexAnzeiger) als Callboy ausgeschrieben und mich heftig gewundert, dass mir keine Frau auch nur eine Nachfrage geschickt hat. In einschlägigen Kreisen hat mann und vor allem frau mich aufgeklärt, dass meine Anzeige viel zu ehrlich gewesen sei. Eine ehrliche Anzeige mache misstrauisch. Wenn ich den heissen Mann markieren wolle, müsse ich verheissungsvolle Fantasien wecken. Ich hätte darstellen müssen, was im realen Leben nur unter ganz besonderen Umständen oder unmöglich zu erreichen ist. Das alles passt doch wunderbar in unsere Kon-sumgesellschaft. Oft werben die Produkte mit Versprechungen, die entweder mit Lügen zum Himmel schreien oder an Menschen gerichtet sind, die von einem anderen Planeten stammen. (Nebenbei: Ich durchsuchte all meine geheimsten Orte, um den Originaltext für den SAZ aus-findig zu machen. Keine Chance. Ich nehme an, dass meine Scham mich veran-lasste, ihn zu liquidieren. Ich wäre eigentlich ein Fan von einschlägigen Zeitdoku-menten.)
Eine Reportage am Fernsehen erzählte vor einiger Zeit von einem Filmproduzenten der heisse Männer für einen Pornostreifen suchte. Er versprach ihnen neben einem Entgelt, dass die schönsten Frauen der Welt ihnen alles bieten würden, was ihr Herz begehre. (Ich nehme an, dass er den Schwanz mit dem Herzen verwechselte.) Zweihundert Freiwillige folgten dem Inserat und den damit verbundenen Verheis-sungen. Von den zweihundert potenten Männern, haben zwei es geschafft, vor laufenden Kammeras die Anweisungen des Regisseurs zu erfüllen. Alle andern mussten erleben, wie ihre Vorstellungen nicht der Realität entsprachen. Danach wurden diejenigen interviewt, die es nicht schafften, die lüsternen Schönheiten mit ihrem Ständer zu penetrieren. Der gescheiterte «Experte für Quickies», wie er sich selbst ernannte, profilierte sich hemmungslos mit seinen sexuellen Erlebnissen aus vergangenen Zeiten. Er meinte voller Überzeugung, dass er heute einfach nicht zu seiner Topform aufgelaufen sei. Alle haben sie sich direkte oder versteckte Selbst-vorwürfe gemacht. Die meisten haben sich mehr oder weniger zynisch zu recht-fertigen versucht. Ich wurde vom Zuschauer zum Voyeur. Peinlich berührten mich diese «cool» wirken wollenden Typen – sie haben begonnen, mir leid zu tun. Keiner der Befragten begegnete sich selbst mit etwas Respekt oder hat sich ernsthaft gefragt, was ihn wohl wirklich gehemmt haben könnte. All die sensiblen Antennen dieser Männerherzen wurden verhöhnt und ausgelacht – in entspannten Atmos-phäre und einer ehrlichen Verbindung zum Herzen wären diese freudig aufgestan-den, da bin ich sicher. So kann mann Sexualität bald nur noch als Ursache seines Unglücks, seiner Frustration, seines Neids und damit seiner Leiden sehen. Als Gegenreaktion plustert mann sich vermutlich auf und muss
einen «heissen Typen» markieren.

Der schöne Mann
«Schönheit ist in Wirklichkeit das, was der Mensch aus sich macht.» (Andy Warhol)
In meiner Weltsicht leben bei uns in Westeuropa Schönheit und Eitelkeit meistens als Nachbarn, wenn nicht als Verwandte nahe zusammen. Das Brockhaus-Lexikon sagt, dass Eitelkeit «?ein auf das eigene Ich gerichtete Selbstgefühl (Narzissmus) ist, das aus dem ständigen Verlangen nach Bestätigung wirklicher oder vermeintlicher eigener Vorzüge lebt». Wenn mann in Schönheit und ohne Eitelkeit auftreten will, muss mann mit sich selbst Frieden geschlossen haben. Das heisst, mann muss sich selbst – ohne auf einen Vergleich angewiesen zu sein – schön finden. Jeder Ver-gleich mit Andern in der Aussenwelt und jede Selbstdarstellung öffnet die Eitelkeits-falle. Um etwas Abstand von meiner eigenen Intimsphäre herzustellen, erzähle ich lieber von einer Geschichte, die ich bei Kurt Tucholsky gelesen habe. Die Zeiten ändern sich – und die Menschen? Wer findet sich auch noch in dieser Geschichte aus dem Jahr 1928?

Frauen sind eitel. Männer? Nie -!
Die Geschichte beginnt mit Antinous. Er steht am späten Morgen, in seinen Ferien, vor einem dreiteiligen Spiegel in einem Hamburger Hotel und begutachtet sich.
«Der Mann war nur mit seinem Selbstbewusstsein bekleidet, und es war jenes Stadium eines Ferientages, wo man sich mit geradezu wollüstiger Langsamkeit anzieht, trödelt, Sachen im Zimmer umher schleppt, tausend überflüssige Dinge aus dem Koffer holt, sie wieder hinein packt, Taschentücher zählt und sich überhaupt benimmt wie ein mittlerer Irrer: Es ist ein geschäftiges Nichtstun, und dazu sind ja die Ferien auch da…»
«Männer sind nicht eitel. Frauen sind es. Alle Frauen sind eitel…»
Er sieht sich im Spiegel, seinen Hängebauch, ist bemüht sich kritisch anzusehen und redet sich dabei ständig ein, dass er doch gut aussehe. Bei der ganzen Aktion äugt er per Zufall ganz beiläufig auch noch aus dem Fenster und sieht gegenüber etwas am Fenster stehen. Eine Frau, die ihm zuschaut? Dann beginnt die Geschichte eine Eigendynamik zu entwickeln, die ich kenne. Ich kenne keinen Mann, der in so einer Situation nicht mindestens einen erhöhten Pulsschlag registriert.«Allmächtiger. Der erste Impuls hiess den Mann vom Spiegel zurücktreten, in die schützende Weite des Zimmers, gegen Sicht gedeckt. So ein Frauenzimmer. Aber es war doch eine Art Kompliment, das war unleugbar; denn wenn jene auch dergleichen vielleicht immer zu tun pflegte – es war eine Schmeichelei. An die Schönheit. Unleugbar war das so. Der Mann wagte sich drei Schritt vor. Wahrhaftig: Da stand sie noch immer und äugte und starrt …»
Jetzt beginnt erneut ein innerer Kampf. Mann ist sich bewusst, dass mann gesehen wird – und ist hin und her gerissen zwischen Scham und exhibitionistischen Impul-sen, zwischen Spiegel und Fenster.
«… der Mann hüpfte davon, wie ein junges Mädchen, eilte ins Badezimmer und rasierte sich mit dem neuen Messer, das glitt sanft über die Haut wie ein nasses Handtuch, es war eine Freude. Abspülen («Scharf nachwaschen?» fragte er sich selbst und bejahte es), scharf Nachtischen, pudern … das dauerte gut und gern seine zehn Minuten. Zurück. Wollen doch spasseshalber einmal sehen. – Sie stand wahr und wahrhaftig noch immer da; in genau derselben Stellung …»
Und sie starrte weiter hinüber. Eine Herausforderung für ihn – sie hatte ihn erkannt in seiner ganzen Schönheit. Ich sehe die Kraft seiner Ausstrahlung, die über die Seitenstrasse hinaus das andere Haus und Fenster eroberte.
«… Der Mann ging nun überhaupt nicht mehr vom Spiegel fort. Er machte sich dort zu schaffen, wie eine Bühnenzofe auf dem Theater» Es passiert mit ihm. Er ist dem Rausch des «Gefallen-wollens» ausgeliefert. Tucholsky beschreibt unseren Antinous meisterhaft. «… Der Mann, im Vollgefühl seiner maskulinen Siegerkraft, bewegte sich wie ein Gladiator im Zimmer, er tat so, als sei das Fenster nicht vorhanden, er ignorierte scheinbar ein Publikum, für das er alles tat, was er tat: Er schlug ein Rad, und sein ganzer Körper machte fast hörbar: Kikeriki! Dann zog er sich, mit leisem Bedauern, an» Bekleidet, steht (wieder) ein manierlicher Herr da. Kaum vorstellbar, wie ein Spuk bleibt sein ganzes Gehabe zurück. Eine Art von Ernüchterung und wie so oft im Kater nach dem Rausch sieht die Welt enttäuschend nüchtern aus.
«Die Frau war gar keine Frau. Die Frau, vor der er eine halbe Stunde lang seine männliche Nacktheit produziert hatte, war – ein Holzgestell mit einem Mantel darüber, eine Zimmerpalme und ein dunkler Stuhl …»
«Frauen sind eitel. Männer? Männer sind es nie.»

Baltasar
«Was ist der Siegel der erreichbaren Freiheit? Sich nicht mehr vor sich selber schämen.» (Friedrich Nietzsche)
Meine These, dass Eitelkeit und Schönheit Nachbarn, wenn nicht Verwandte sind, möchte ich mit folgender Ausnahme «beweisen». Ich habe eine längere Zeit in einem «Hundertfünfzig-Seelen-Dorf» im Kanton Graubünden, gewohnt. Baltasar,
ein Bauer aus meiner damaligen Nachbarschaft, war fünfundachtzig Jahre alt. Er hatte in bester Erinnerung, wie er als Schulbub schulfrei bekam, weil das erste Automobil durch das Dorf fuhr. Er kam sein ganzes Leben nie weiter als dreissig Kilometer aus dem Dorf heraus. – Die jährliche Mitgliederversammlung der Raiff-eisenkasse wurde einmal ein paar Dörfer weiter angesetzt. Diese Versammlung brachte ihn dreissig Kilometer aus seinem Heimatdort. Er war für mich ein schöner Mann – ein wahrhaftiger Mann. Ich war gerne und öfters mit ihm zusammen. Einmal ging ich auf ein Fest ins Unterland. Er sah mich mit Sack und Pack gehen und ich erzählte ihm kurz von meiner Vorfreude. Zwei Tage später, als ich mit meinem Sack wieder zurückkam, stand er auch wieder vor dem Stall und fragte mich interessiert, wie es denn war. Geduldig hörte er sich meine begeisterten Schilderungen vom Fest an. Er freute sich mit mir. Er wurde einen Moment lang nachdenklich und meinte dann strahlend: «Gäll Peter, schön isch äs döt, wo s’eim gfallt.»
Noch heute, beim Schreiben über diesen berührenden Moment, werden meine Augen wässrig und Hühnerhaut überzieht meinen Körper. Baltasar erblühte in dem Moment in seiner ganzen Schönheit – eine kindliche Weisheit, die an Tiefgründigkeit für mich kaum zu übertreffen ist. Ich habe diesen Satz nie vergessen – er ist immer und ewig gültig. Schön ist, was mir gefällt – ich bin frei, das selbst zu bestimmen. Wenn ich heute einen schönen Mann sehe, frage ich mich zuerst, ob ich mich selber im Moment hässlich finde. Beantworte ich diese Frage mit «Nein», dann ist und bleibt er schön. In einem solchen Moment fühle ich mich ebenbürtig, respektiere meine Einzigartigkeit und fühle mich zugehörig. Fragen sie mich nicht, zu wem oder was. Ich weiss es nicht. In dem Moment fühle ich mich nicht einsam.

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