Nr. 2/05
|
|
Leben ohne Nachkommen
Von der Angst, ganz tot zu sein
«Das Bedürfnis, eine Spur zu hinterlassen, ist da» Vor mehr als 20 Jahren hat Peter Oertle erfahren, dass er nicht Vater werden kann. In seinem Bericht lässt er seine Auseinandersetzung mit der Kinderlosigkeit Revue passieren.
Von Peter Oertle
Ich habe bis heute kein Kind gezeugt und ich weiss, dass ich biologisch nicht mehr Vater werden kann.
Wäre ich gerne geworden? Meine Natur und mein Charakter hätten es mir sehr schwer gemacht, wenn ich dies aktiv angestrebt hätte. Rückblickend bin ich mir heute sicher, dass ich lange keine innere Bereitschaft gehabt habe, Vater zu werden sei es, weil ich die «richtige» Frau dazu nicht fand oder weil ich mich nicht «reif» genug fühlte. Ich stelle mir vor, dass andere Männer gar nicht so viele Gedanken über die Vaterfrage verlieren sie werden einfach einmal mehr oder weniger plötzlich Vater.
«Schade, dass du keine Kinder hast.» Wie oft habe ich diesen Ausspruch gehört. Oft bin ich (deshalb?) in die Vorstellung gegangen: Was wäre, wenn …? Ich würde sicher nicht so viel (Zeit haben) über das Leben nach(zu)denken. Ich habe mir so viel psychologisches Wissen über das «Vater-sein» angeeignet. Doch all mein Wissen, ohne selber Vater zu sein, zählt für jene, die es geworden sind, kaum etwas. Für sie ist jede Äusserung, in der auch nur ein Hauch von Kritik mitschwingen könnte, völlig wertlos. Was könne ich denn schon wissen, der ich keine eigene Erfahrung damit gemacht habe? «Werde du selbst zuerst Vater und dann reden wir wieder», höre ich sie sagen. Ich verstehe sie und im selben Atemzug macht es mich traurig.
Ausgesetzt
In meiner Vorstellung habe ich oft eine Kartonschachtel gesehen, die irgendwo im Niemandsland auf dem Pannenstreifen einer Autostrasse steht. Darin liegt ein schreiendes Kind, das von irgend jemandem ausgesetzt wurde weil er, sie oder beide überfordert waren damit oder die finanziellen Mittel fehlten. Ich fahre nichts ahnend durch diese unwirtliche Landschaft. Aufmerksam und neugierig beobachte ich die Umgebung. Mir entgeht wenig, die besagte Kartonschachtel fällt mir sofort auf ja, sie zieht mich magnetisch an. Vollbremse, Retourgang. Und da stehe ich vor diesem schreienden Bündel, das mir hilfesuchend seine kleinen Hände entgegen-streckt. Jetzt packt mich ein Schauer und wie vom Blitz getroffen weiss ich, dass ich da nicht mehr kneifen kann. Das Schicksal hat unmissverständlich zugeschlagen und ich «muss» Verantwortung übernehmen. Ich spüre den «heiligen» Touch der Aufgabe, die vor mir liegt. Das Kind beginnt sich langsam zu beruhigen, als es merkt, dass ich nicht wieder weglaufe. Mit einem heroischen Eifer sehe ich mich, wie ich mein Leben auf den Kopf stelle und alles mit Kind zu planen beginne. Die Behörden ignoriere ich es gibt kein «unmöglich» für mich. In meiner Fantasie öffnen sich die Tore für unbeschränkte Energie und Einfallsreichtum. Ich bin in meinem Element. Auch für eine mögliche Partnerwahl bin ich jetzt frei. Ich bestimme den «Trumpf» und habe die entscheidende Karte in der Hand. Niemand kann «sie» mir wegnehmen ich bin zuständig für die bevorstehende Aufgabe. Wenn eine Frau sich dazu gesellen will, weil sie mich mit Kind liebenswert findet (und umgekehrt), dann …
Vielleicht geht es den Müttern ähnlich, überlege ich mir, während ich schreibe? Ich spüre in diesem Augenblick die Macht, die ein Kind mit sich bringt. Alles dreht sich ums Kind, es steht im Mittelpunkt und vieles löst sich «von alleine». (Ich bin mir bewusst, dass ich hier nur eine Seite der Medaille beleuchte.) Ich bin mir heute ziemlich sicher, dass diese Fantasie unter anderem auch Ausdruck meiner Angst vor der Frau war. Ihre Macht, durch das Gebären-können, Leben zu schenken, ist beeindruckend, auch heute noch. Damit «gehört» das Kind ihr. Das ist bis heute auf Gesetzesebene immer noch ein Streitpunkt. Im Zweifelsfalle gewinnt «Frau», auch wenn diese Gesetzesartikel langsam aufgeweicht werden. Ich trage viele widerliche Geschichten mit mir, in denen Männer in Zeiten der Trennung oder nach Scheid-ungen das Nachsehen haben, wenn es um die Kinder geht. Die relative Distanz, die voll im Berufsleben stehende Männer zu ihren Kindern haben, wird von ihnen oft erst in Zeiten einer Trennung in ganzem Ausmass erlebt. Oft leiden sie grausam unter diesem Verlust meistens viel mehr als unter der Trennung von der Frau. Ich glaube, dass dieses «Wissen» Männer ängstlich machen kann, wenn es um Familiengründung geht. Das ist seit Generationen eingraviert in unseren Genen. Die Abhängigkeit von der Frau steigt mit Kind unendlich schnell ins Unermessliche.
Spermiogramm
Bis und mit «Generalprobe» bin ich stets ein sehr aufmerksamer und gelehriger «Schüler» in der «Schule für werdende Familien» geblieben zum «Auftritt» hat es mir nie gereicht. Mit ungefähr dreissig Jahren habe ich ein «Spermiogramm» machen lassen, vor allem, weil ich Klarheit erlangen wollte, wie sehr ich eigentlich «aufpassen» musste. Meine Bindungsangst war damals gross, AIDS noch kaum ein Thema. In einem kahlen Büroraum des Kantonspitals musste ich für den Spermatest in ein Reagenzglas onanieren nach drei Wochen Enthaltsamkeit. Den ersten Termin habe ich zwei Tage davor absagen müssen, da ich mich gerade verliebte. Die Krankenschwester, der ich mein Versagen beichten musste, meinte, das sei doch kein Unglück. «Freuen sie sich und kommen sie wieder, wenn sich ihre Hormone etwas beruhigt haben». Ich habe mich etwa drei Monate später wieder getraut, einen neuen Termin anzufragen. Dieselbe Schwester meinte lachend. «Schon beruhigt? Das ist aber schnell gegangen.» Ich habe ihr verschwiegen, dass ich bereits wieder auf der Suche nach einer «Liebe» war.
Das Onanieren auf Befehl war für mich eine ganz liederliche Angelegenheit. Die «Hochglanzmagazine für Herren» nützten wenig, die Erinnerung an meine verflossene Liebe war schmerzhaft und meine klischeehaften Vorstellungen, dass mir eine freizügige Schwester dabei offenherzig behilflich sein würde, sah ich schnell enttäuscht. Ich war auf mich und meine Fantasie angewiesen und diese liess in dieser trostlosen Atmosphäre zu wünschen übrig. Ich schaffte es in dem Moment, als ich verzweifelt aufgeben wollte. Draussen wartete bereits der Nächste.
Ein höflicher und fürchterlich ungeschickter Herr in weissem Kittel eröffnete mir später vorsichtig das Resultat: Unter vier Prozent lebendiger Spermien. «Da haben Sie so gut wie keine Chance, ein Kind zu zeugen». Er sah mich prüfend an, jederzeit bereit, mich aufzufangen, wenn ich ob dieser Hiobsbotschaft zusammen brechen würde. Ich brach nicht ein, war vielmehr erleichtert und meine Fantasie wurde mit einem Schlag wieder lebendig. Wenn ich nun dennoch ein Kind zeugen würde, wäre dies fast schon ein Wunder. Die Vorstellung gefiel mir.
Leben ohne Kind
Was macht ein Mann ohne Kind? Wofür lebt er dann für seinen Beruf, die Bezieh-ung? Was macht im Leben denn noch Sinn? Macht das Leben noch einen Sinn?
Männer mit Kindern haben immer etwas zu erzählen. (Frauen auch). Ein Kind bringt Leben mit sich. Bekinderte Männer sind permanent kurz geschlossen mit dem jungen Leben meistens ein Leben lang. Sie freuen sich und ärgern sich, sind stolz auf ihre Kinder und haben Angst um sie. Es ist eine Art «Lebensgarantie», im positiven wie im negativen, ein lebenslanger Dauerauftrag, unkündbar. Selbst bei einem Verlust bleibt die einmalige Bindung ein Leben lang bestehen. Diese Bindung wird durch eine (gegenseitige) Abhängigkeit aufrecht erhalten. Weil kein Vater (und keine Mutter) das Kind gefragt haben kann, ob es auf diese Welt kommen will, ist er unwiderruflich dafür verantwortlich, dass es auf diese Welt gesetzt wurde. Alles, was dem Kind widerfährt, steht in seiner «Schuld». Das Kind auf der andern Seite, ist den Eltern zeitlebens zu Dank «verpflichtet», weil es ohne sie nicht hier wäre. Sich aus dieser Verstricktheit herauszulösen, geht nicht. Sich diesem «Fatalismus» auszusetzen, braucht Mut und hat seine Konsequenzen so wie die Verweigerung dieser Auseinandersetzung auch Konsequenzen hat.
Aus Albanien kommt das Sprichwort: «Die Söhne essen das Obst, und ihre Väter gleiten über den Schalen aus.» Ein anderer Ausspruch besagt, die Kinder seien die härtesten Richter eines Mannes. Oft habe ich gehört, dass kein Spiegel der Welt das Leben und die eigene Person so hautnah widergeben, wie der Spiegel der eigenen Kinder. Was ist, wenn niemand das Obst weg isst und mann weder Richter noch Spiegel hat?
Das innere Kind
Das Fehlen eines eigenen Kindes führt mir unverkennbar mein eigenes Kind vor Augen. Irgendwo in unbewussten Gefielden treibt etwas «Unmündiges» sein Unwesen. Das «Kind in mir» konfrontiert mich oft in unmöglichen Momenten mit seiner Existenz und macht dann mit mir, was es will. Dann bin ich auf mich selbst zurückgeworfen. Ich kann keinem Kind eine Standpauke halten und es zurecht rücken. Ich muss dann eine Präsenz entwickeln und «es» bei mir selbst wahrneh-men. In meinem Fall habe ich viel über mein «inneres Kind» gelernt lernen müssen, weil ich bald merkte, dass «es» mir in meinen Alltag funkt, wenn ich «es» nicht beachte. Das mag für einige Leser abstrus klingen. In der Psychologie ist das eine anschauliche Metapher für das unkontrollierbare Gefühlsleben vor allem dann, wenn «es» eine Eigendynamik entwickelt und den Erwachsenen darin einwickelt. Die Familienstruktur lebt in uns weiter. Meistens ist uns nur ein kleiner Teil davon bewusst. Das «innere Kind» in meinem Fall oft ein ziemlich rebellischer Bub repräsentiert unter anderem all diejenigen Gefühle, die im Erwachsenenleben störend wirken können.
Ich glaube, dass die «äusseren» Kinder oft stellvertretend für das «innere Kind» im Erwachsenen leben, ihm besagter Spiegel sind. Das ist eine Behauptung, die nur für diejenigen eine Berechtigung hat, die sich angesprochen fühlen.Die Auseinande-rsetzung mit dem «fräche Siech» in mir, hat mich in vielen Bereichen befreit. Ich habe mich aus den unbewussten kindlichen Ängsten heraus entwickelt und unter anderem meine/seine «Gschpürigkeit» für die «Schwachstellen» Anderer entdeckt. Dieser freche Strick trifft mit unglaublicher Genauigkeit diejenigen Stellen im Menschen, die weh tun. (Das war für ihn ein «Muss» zum Lernen, sonst hätte er neben dem domi-nanten Vater keinen Stich gehabt.) Das hat ihn aber immer wieder in Verruf gebracht. Hauptsächlich bei den Lehrern war er ziemlich verhasst. «Das lümmelhafte Beneh-men ihres Sohnes ist untragbar geworden», hat ein Seklehrer meinen Eltern einmal offenbart. Ich habe diesen Klassenzug nur fertig machen können, weil er kurz darauf krank und dann versetzt wurde. Der nachfolgende Lehrer bekannte sich von Anfang an zu seinen Schwächen. Er hat mir den Wind aus den Segel genommen. Er hat instinktiv oder auch gekonnt meine Qualität erkannt viel früher, als das für mich möglich war… Seit bald fünfzehn Jahren verdiene ich genau mit dieser Eigenschaft mein Geld. Und ich habe ähnlich viele Jahre selbsterfahrende Bildung gebraucht, bis ich als Erwachsener Verantwortung für meinen «inneren» Flegel übernommen habe und vom Störsender zum Männertherapeut geworden bin.
Wunsch und Angst
Trotzdem: Ohne leibliches Kind fehlt mir ein ganzes Szenario. Es fehlen (Lebens)Räume die ich nie betreten kann. Ich tanze aus der Reihe. Das ist unter Umständen befremdend. Früher reiste ich lange in fremden Ländern, heute fühle ich mich oft als Fremder im eigenen Land. Meine Lebensräume sind abgeschlossen, keine Nachwelt braucht einen Schlüssel. Wenn ich einmal von dieser Welt gehe, stirbt etwas vollständig, wird ganz ausgelöscht. Dann bin ich ganz tot. Das hat etwas Beruhigendes mit einem wehmütigen Nachgeschmack. Für was denn das alles, wenn nichts übrig bleibt? Die Sehnsucht, ein «Denkmal», eine sicht- und spürbare Spur auf dieser Welt zu hinterlassen, ist da. In vielen Kulturen sind männliche Nachkommen wichtig, weil diese den Namen der Familie weiter tragen. Es bleibt eine Verbindung zur Welt bestehen mann ist aufgehoben. Beim Paarungsritual der männlichen Delfine haben Forscher beobachtet, dass diese miteinander kooperie-ren, um sich mit einem Weibchen zu paaren. Dabei arbeiten zwei bis drei Männchen zusammen. Die genetischen Analysen zeigten, dass die Männchen in den Gruppen untereinander verwandt sind. Nach der Paarung kann zwar nur einer der Vater des Nachwuchses sein. Die anderen gehen leer aus. Doch genetisch gesehen, sind auch der Bruder oder Halbbruder, also die Helfer, erfolgreich, da auch ein Teil ihrer Gene weitergegeben wird (Tagi, 7.6.05). Erfolgreich oder nicht ist die Ansicht der Forscher nicht einfach menschlich? Sie suchen nach Hinweisen, dass (auch) die Tiere sich «unsterblich» machen wollen. Projizieren wir Menschen den Wunsch nach «Unsterblichkeit» auf die Tierwelt? Ist dieser Wunsch nicht zugleich die grösste Angst der Menschen, die Angst «ganz» tot zu sein?
Wie weit steckt diese Angst, respektive Wunsch im (Fortpflanzungs)Trieb oder ist gar verantwortlich dafür? Stellen Lebewesen «Leben» auf die Welt, um dem eigenen Tod zu entrinnen? Oder hat so die Einsamkeit (im Alter) weniger Angriffsfläche? Die Freuden und Leiden der Nachkommen sind die der (alternden) Eltern so wie früher die Gefühlzustände der Eltern auch die der Kinder waren. Ein Kreislauf ist geschlos-sen. Die Welt ist in Ordnung.
Mein Vater sah in mir (s)einen Stammhalter und hat diese Idee vermutlich zeitlebens nicht wirklich aufgegeben. Vielleicht habe ich mich dieser klangheimlichen Erwart-ung widersetzt? Die sind Würfel gefallen. Ich werde keine Nachkommen zurück-lassen auf dieser Welt. Niemand kommt nach mir. Auch ich schliesse einen Kreis. Meine Welt ist anders und in sich rund.
|