Nr. 2/03

Nur ja nicht werden wie Vater.

Das Aussenseiter-Dasein als evolutionäre Wurzel des menschlichen Daseins ist eine Weltanschauung, die mann besser aus dem Kopfstand betrachtet. Eine erfahrungsgeleitete Erforschung von Peter Oertle (männer:art).

«Die Menschen würden dich höher schätzen,
wärest du stark genug zu sagen, dass
du anders bist und
dir das sogar Spass macht.» (Andy Warhol)

von Peter Oertle

Andy Warhols provokative Aussage verleitet mich dazu, nach einem Gegenpol zu suchen. In der Bibel finde ich «Das Gleichnis vom verlorenen Sohn, resp. von den beiden verlorenen Söhnen».(Lukas Evangelium, 15, 11–32). Die Kurzfassung: Ein Mann hatte zwei Söhne. Eines Tages sagte der eine: Vater gib mir den Teil des Vermögens, der mir zusteht. Er ging damit in ferne Landen und verprasste das ganze Vermögen. Als eine grosse Hungersnot über das Land kam, fing auch er an, Not zu leiden. Er trat als Tagelöhner in den Dienst eines Bauern, der ihn mit den Schweinen aufs Feld schickte.
Da kam er zu sich selbst, sah ein, was er getan hatte und machte sich auf den Heimweg, zurück zu seinem Vater. Er bat ihn um Wiedergutmachung und schlug ihm vor, ihn zu seinem Tagelöhner zu machen. Den Vater aber packte heisses Erbarmen, er freute sich so sehr, dass sein Sohn lebte und machte ihm ein grosses Fest. Als der andere, daheim gebliebene Sohn vom Felde kam und die ganzen Festlichkeiten sah, fühlte er sich betrogen und klagte den Vater an: «Dem, der sein ganzes Gut für Dirnen ausgegeben hat, machst du ein Fest nur weil er wieder gekommen is. Dem, der ihm so viele Jahre diente, aber hast du noch nie etwas Ähnliches bereitet.» Der Vater erklärte ihm, dass sein ganzes Gut auch ihm gehöre und er jederzeit auch alles haben könne. Jetzt aber müsse man doch feiern, wo sein Bruder wieder lebt, wieder gefunden worden sei. Wie der daheim gebliebene Sohn darauf reagierte und ob er dem Vater auf dieses Geschehen hin verloren ging (Gleichnis von den beiden verlorenen Söhnen), bleibt offen.
Auf den ersten Blick springen mir in diesem Gleichnis die beiden grundlegenden Haltungen, wie mann auf sein Elternhaus reagieren kann, ins Auge: Die der «Rebellion» und die der «Anpassung». Mich interessiert die Geschichte des rebellischen Sohnes, der mit allen Mitteln versucht, nicht so zu sein wie der «Alte».
Dazu muss er weg, oft sehr weit weg (physisch oder ideologisch), denn sein eigener Weg darf in erster Linie keine Ähnlichkeit mit dem seines Vaters aufweisen. Er wird erstmals, aus der Sicht der Familie, als Aussen-Stehender gesehen. Ein paar Ge-danken flitzen durch den Kopf – unverkennbar meine eigene Geschichte.

Was ist ein «Aussen-Stehender»?
• Einer, der draussen steht.
• Einer, der nicht (mehr) hineingebeten wird.
• Einer, der nicht (mehr) dazugehört.

Vielleicht:
• Einer, der besonders sein will?
• Einer, der sich selber sein möchte?
• Einer, der seine Unabhängigkeit sucht?
(Im Zeitalter der Individuation könnte dies ja die «Norm» sein!)

Das Gefühl der Dazugehörigkeit, des Angenommen-seins (ein unüberwindbarer Widerspruch?) muss sich ein Aussenseiter immer wieder erarbeiten. Egal, ob in der Familie oder in einer Gesellschaft. Diese Selbstverständlichkeit ist nur dann gewähr-leistet, wenn mann sich einordnen lässt oder sich unterordnet. Die «Gruppe» der Aussenseiter wird als Ausnahme unter den Gruppierungen die Regel bestätigen, falls sie die Bezeichnung «Gruppe» überhaupt verdient. Diese Menschen werden oft als «wilder Haufen» oder «Subkultur» bezeichnet und sind weder «kreditwürdig» noch hört mann wirklich auf sie. Meine Hypothese lautet: Würde mann diese «Sub-kultur» als Vorläufer einer Gesellschaft erkennen, wäre Aldous Huxleys Resumé «Was man aus der Geschichte lernen kann ist, dass der Mensch noch nie etwas aus der Geschichte gelernt hat!» nicht offensichtlich.

Die Aussenseiter AusSicht.
Der Mensch erlebt und erfährt sich über ein «du». Jedes Gegenüber kann als ein Spiegel (seiner selbst) wahrgenommen werden und kann somit für eine persönliche Standortbestimmung und zur Orientierung dienen. Bewusst oder unbewusst entwickeln wir Menschen uns in und über die verschiedensten Interaktionen: Ohne Gegenüber keine Entwicklung.
Der Aussenseiter auf dem Posten der Rebellion erliegt zuerst dem Bestreben, sich selbst (treu) zu sein. Er «muss» alles, was von Mitmenschen kommt, egal ob es ihm gut tun würde, verwerfen – denn sonst würde er Verrat an sich selbst begehen. Entwicklungslosigkeit oder ein Manko an wirklicher Beziehung aber kann über das Gefühl der Sinnlosigkeit zu einem Stillstand führen, welcher der Angst vor dem Tod sehr nahe kommt. Bei dieser Art von Entwicklungsstillstand und Orientierungslosig-keit – im Volksmund geläufig als Depression bekannt – entsteht eine Leere, die von einer Lähmung schleichend erobert werden kann. Wird die Lähmung stärker, kann sie bis am Schluss sämtliche Impulse, «nach aussen» zu gehen, blockieren. Die vorwärts drängende Energie wird gegen sich selbst statt nach aussen gerichtet.
Sind die Notausgänge verbaut, wird das Leben meistens nur noch als Über-leben(skampf) erlebt. Wer zudem die Interessen der Gesellschaft, den Trend, die Mode im weitesten Sinn nicht als etwas erlebt, dem nach zu eifern sich lohnt, der
ist ganz schnell draussen – weit weg vom Fenster. Der Zustand von «no exit» wird zu «no return». Kein Zurück, weder in die Familie noch in die Gesellschaft. In diesem Stadium geht mann entweder unter oder mann rafft sich auf. Als Aussenseiter ist mann gezwungen, andere Wege zu gehen. Die gesellschaftlichen «Fensterplätze» sind besetzt, die familiären Banden brüchig bis gerissen. Menschen in Randgruppen suchen oft unter Lebensgefahr, mit möglichen und unmöglichen Hilfsmitteln, nach Öffnungen in andere, neue Bewusstseinsebenen. Sie suchen Lebensformen, die ihren menschlichen Bedürfnissen gerecht werden. Arno Gruen hat zum Thema der Basler Psychotherapietage (1999) «Der Wahnsinn der Normalität» geschrieben: «Während jene als "verrückt" gelten, die den Verlust der menschlichen Werte nicht mehr ertragen, wird denen "Normalität" bescheinigt, die sich von ihren menschlichen Wurzeln getrennt haben».

Die Gratwanderung
Die «Normalität» in Form der Gesellschaft bleibt nicht tatenlos und wetzt ihre Waffen. Nützt die Bestrafung der Auswüchse (aus der Norm) nichts mehr, versucht sie mit allen Mitteln, die rebellischen Impulse der Aussenseiter mittels Vermarktung zu inte-grieren. Zum Beispiel wird aus dem Impuls der farbenfrohen «Outlaws» die Street-parade. Sie ist zum Volksfest degradiert und zum Geschäft des Jahrhunderts geworden. Der Impuls der Veränderung wird in den Normen der Marktwirtschaft ertränkt und erstickt. Die individuellen Ideen werden zum Brei der Masse und sind damit für jedermann/-frau nachäffungswürdig. Die Gefahr ist gebannt: Wer rebel-lieren und sich Gehör verschaffen will, der muss zu anderen Mitteln greifen. Auf der andern Seite verlieren oft die diversen Hilfsmittel der Aussenseiter mit zunehmen-dem Alter der Suchenden das Aussergewöhnliche oder werden auch gesellschafts-konform. Damit versagt die aussergewöhnliche Wirkung, die einmal Einblick in andere Bewusstseinsräume verschaffte, immer mehr oder der Gesundheitszustand ruft nach Veränderung. Hier scheiden sich die Wege der Suchenden: Der eine Weg führt in eine Stagnation oder Resignation und damit mitten in den «Kuchen» der Normalität (zurück). Der andere bleibt, einem Seiltanz gleich, auf der Balance zwischen Aussenseitertum und Zugehörigkeit oder frei- und hörig-sein

Die Rückführung
Der Akt auf dem Seil oder die Wanderung auf dem Grat zwischen dem Selbstver-ständnis und dem Verständnis einer Gesellschaft führt, unter vielen Gefahren, zur eigenen Religiosität. Unter Religiosität verstehe ich ein Bewusstwerden der eigenen Rückverbindung («religio» = rückverbinden) mit den Wurzeln allen menschlichen Seins (ev. des ganzen Universums). Das gefühlsmässige Erleben der Vereinigung der vermeintlichen Gegensätze kann für einen Moment lang ein schwer zu beschrei-bendes Glücksgefühl auslösen, ein Gefühl des uneingeschränkten Aufgehoben-seins. Gleichzeitig das «Wichtigste» und das «Nichtigste» auf diesem Planeten zu sein, ist ein intellektuell schwer nachvollziehbarer «Flash». Es kann Unverständnis bis Verwirrung zurückbleiben. Da diese Erfahrung schwierig mit andern zu teilen ist, kann mann sich verunsichert bis bedroht fühlen. Um dem Erleben der eigenen «Nichtigkeit» und den damit verbunden Gefühlen der Einsamkeit und Unzuläng-lichkeit auszuweichen, sehe ich eine grosse Gefahr der Überheblichkeit. Parallel dazu kann sichdas Erleben der (eigenen) Einzigartigkeit – allein auf diesem Grat zu sein – mit dem Gefühl privilegiert oder «auserwählt» zu sein, paaren. Diese Paarung ist perfekt geeignet, um dem Gefühl der Bedeutungs-losigkeit aus dem Weg zu gehen. Aus meiner Erfahrung wartet auf diesem Weg eine eiskalte, bittere Einsam-keit, in der die ganzen selbstlosen und uneigen-nützigen Impulse erstarren.

Prüfungen
Ich beobachte zwei grundsätzlich unterschiedliche Formen der «Prüfung» die einen Aussenseiter im Stadium eines Wanderers auf dem Grat heimsuchen können. Die eine Prüfung ist die der weltlichen Anerkennung in Form von Erfolg-haben im herkömmlichen Sinn. Mit dem weltlichen Erfolg, der oft eng verbunden ist mit dem materiellen Erfolg, öffnet die Gesellschaft ihre Tore. Der Aussenstehende wird ein-geladen, manchmal fast genötigt, am reich gedeckten Tisch mit zu essen und an den Gesellschaftsformen und –normen teilzunehmen. Die Ersatzfamilie tritt in Funktion und versucht das, was die Herkunftsfamilie nicht schaffte, auf ihre Art. Meistens stürzt sich der Wanderer die erste Zeit gebauchpinselt und hungrig auf die einladenden Speisen, Privilegien und anderen Annehmlichkeiten. Noch ist sein Aussenseiter-image sein Kapital. Er erntet Applaus und die Gesetze der Norm werden Nachsicht mit ihm haben, denn eine Gesellschaft zeigt Grösse und Toleranz, wenn sie ein paar Originale vorzuweisen hat.
Die andere Art der Prüfung sehe ich, wenn die Anerkennung der Gesellschaft ausbleibt, der Aussenseiter draussen bleiben muss oder von sich aus draussen bleibt, weil er die Konzessionen und Kompromisse nicht eingehen will. Sich in seiner ganzen gesellschaftlichen Laufbahn nie auf die entsprechenden Normen eingelas-sen und nur gerade jeweils das Nötigste (obligater Schulabschluss etc.) im breiten Durchschnitt abgeschlossen zu haben, wird gerade noch toleriert – wenn nie doch noch der Anspruch erwacht, mitreden zu wollen. Der Zug ist abgefahren. Die Signale sind auf rot gestellt und oft zusätzlich versiegelt. Diese wieder auf «freie Fahrt» zu stellen, ist meistens mit einem gewaltigen Aufwand und mit Konzessionen verbun-den, die als menschenunwürdig empfunden werden müssen. Denn nur wenige Menschen innerhalb der Gesellschaft können sich vorstellen, dass ausserhalb der gesellschaftlichen Normen auch wertvolles Leben wächst. Das unzivilisierte Pack von der «Strasse» ist voller Läuse und in der Birne nichts als Flausen – was kann mann von denen «draussen» für «drinnen» schon brauchen? Beide Arten der Prüfung sind aus meiner Sicht für den Prozess der Menschwerdung unerlässlich. Eine Persönlichkeit erstrahlt dann in voller «Grösse», wenn Demut und Bescheiden-heit an Stelle von Kampf zu stehen kommen. Dieser Prozess kommt in dieser Phase einem filigranen Traumgeflecht ähnlich, das – wenn mann es erfassen möchte – sich in Nebel auflöst.
Wo sind die Grenzen zwischen Selbstaufgabe oder –täuschung und Bescheiden-heit? Wann ist der Zeitpunkt, um in Demut, der inneren Stimme folgend, sich trotzdem gegen Unrecht aufzulehnen? Die Machenschaften der Menschen aus Angst und Verzweiflung – im guten Glauben gelassen, dass der Staat nur ihr Bestes will – werden offensichtlich und stehen als Horrorszenarien vor meinen Augen. Ohne staatlich anerkannt zu sein, an einer Universität studiert zu haben, wird mann als Schwarzmaler belächelt oder kalt gestellt. Beim gesellschaftskritischen Kabarettisten lacht mann am Abend noch heftig mit, wenn er einem die eigenen Peinlichkeiten auf den Zehen herum tanzen lässt. Am anderen Morgen dann lässt mann einen nächsten über die Klinge springen, um seine eigene Haut zu schonen.

Verantwortung
Die Verantwortung liegt auch für den Aussenseiter in der Verbindlichkeit – in der Verbindung zu den andern. Sich selber als «Ganzes» vielleicht sogar als etwas Besonderes zu fühlen und gleichzeitig als Teil des «Ganzen» die Verbindung zu den andern nicht abbrechen zu lassen: Darin liegt aus meiner Sicht die Kunst der Demut und schlussendlich der Menschwerdung. Dieser Prozess ist nur möglich mit einem permanenten Kontakt zur eigenen inneren Stimme. Diese Art von Führung ist meistens gekennzeichnet durch die Erfahrung von Schmerz und Leid, denn sie gibt weder «pfannenfertige» Antworten und Ratschläge noch allgemein gültige und damit verlässliche Schlussfolgerungen. Bei ihr bedeutet Gewissheit zu haben, im Ungewis-sen leben zu müssen – und das ist ganz einfach schmerzlich. Sie lässt einem ohne Vorwarnung in die grössten menschlichen Tragödien hinein latschen und scheint sich kaum um deren Folgen zu kümmern – und wenn, dann unter dem Motto: «Wenn du eine helfende Hand brauchst, dann findest du eine am Ende deines rechten und deines linken Armes.»
Die meisten Menschen, die ich kenne und die den Weg der (Selbst)Verantwortung gehen, sind den Weg des Leids gegangen oder gehen ihn immer noch. (Was nicht heisst, dass alle leidenden Menschen auf dem Weg der Selbstverantwortung sind oder dass auf dem Weg der Selbstverantwortung nicht viel Freude wartet). Da die Welt nicht gerecht ist und das wohl auch bleiben wird, ist der Weg des Leids vorpro-grammiert. In guter Absicht Gutes tun oder rechtschaffen zu leben, wird nicht belohnt. Solange unsere weltlichen Gerichtshöfe die offizielle Einstellung vertreten, dass Recht haben und Recht bekommen zwei unterschiedliche Paar Stiefel sind, wird sich da nichts ändern. Einzig für die eigene Befriedigung, ist in Wahrheit und Gerechtig-keit leben lohnenswert – das ist verdammt wenig. Die Gefahr, in der eigenen Nabel-schau zu versinken und damit für den Rest der Welt unberührbar zu werden, ist gross.

Engagement
«Liebe deinen Nächsten wie dich selbst» Die bekannte Bibelstelle ist mit grosser Wahrscheinlichkeit so zu verstehen, dass mann den Nächsten nur lieben kann, wenn mann sich selbst zu lieben weiss. Die Reihenfolge ist ausschlaggebend, und in dem Sinn kann auch ein (innerer) Ruf nach einer sinnvollen Teilhaberschaft in einer Gemeinschaft oder Gesellschaft verstanden werden. Mann wird gerufen oder mann fühlt sich berufen, seine Fähigkeiten in den Dienst des grossen Ganzen zu stellen Das macht Sinn. Ich glaube, dass der Frage nach dem «Was» (machen) in unseren Breitengraden viel zu grosse Wichtigkeit geschenkt wird. Würden wir dem «Wie» (etwas gemacht wird) mehr Aufmerksamkeit und Gewichtigkeit schenken, würde die Frage nach dem «Was» automatisch relativiert. Ein überzeugtes Engagement weckt Risikobereitschaft, Mut und Neugier. Diese Eigenschaften zähle ich zu den Wichtig-sten, um einen kreativen Prozess – der Sinn macht – in Gang zu halten. Lange (an Ort) weilen wird mann kaum! Während einer meiner (nicht anerkannten) Ausbild-ungen fanden im ehemaligen Jugoslawien die Massenvergewaltigungen von Frauen durch Soldaten statt. Diese Tatsache hat mich als Mann stark betroffen gemacht. Heftige Diskussionen unter den 22 Frauen (zu 5 Männern) im Rahmen der Ausbild-ung haben meine innere Stimme provoziert. Sie begann, mich zu tyrannisieren. Die Schuldgefühle weichten einem Gefühl der (Mit)Verantwortung. In einem entschlos-senen Moment bin ich (innerlich) aufgestanden. Ich erkenne (m)eine Antwort als Beitrag zum Ganzen. Ich fühle mit dem weltweiten Leid und hoffe mit dem, was ich lebe und lasse, diesem Leid etwas entgegen zu setzen. Ich schreibe diese Zeilen … – Zweifel tauchen auf, ich schaue mir über die Schultern. Keine Gesellschaft, kein Staat wird es zulassen, dass die, von der Gesellschaft Ver-rückten angehört werden. Die Angst bankrott zu gehen, ist zu gross, die Lobby des Geldes viel zu stark. Die Aussenseiter, die vor der Türe stehen, würden den Frieden bedrohen und den Zusammenhalt der Gesell-schaft schwächen. Jede Veränderung bedeutet den Tod des Vorangegangenen. Und wer will in Zeiten, in der die Angst täglich noch künstlich gesät wird, den Tod freiwillig mit an denselben Tisch nehmen?
Richard Rohr meint in seinem Buch «Hiobsbotschaft» dazu: «Die Welt hat Angst vor der Versöhnung. Wir leben lieber in einer schwarz-weissen Welt, in der wir Feind-bilder schaffen und aufrechterhalten können, weil das den Zusammenhalt der eigenen Gruppe stärkt.»

Vielleicht erzählt das Gleichnis vom verlorenen Sohn von etwas, was die Welt profitieren könnte? In der Bibel bleibt zum Schluss die Frage offen: Was passiert
mit dem andern Sohn? Wie reagiert der auf seinen Bruder und was wird er nun tun? Wie weit ist ein kurz- oder langfristiger Bruch vom Sohn mit dem Vater (oder der Familie) von Nöten, um auf dem eigenen Weg, den Weg zu sich nach hause, zu finden? Vielleicht geht der daheim gebliebene Sohn mit dem unüberwindbaren Gefühl, ungerecht behandelt worden zu sein, nun «dem Vater verloren» – um so auf
seinem eigenen Weg, sein Zuhause selbst zu finden.

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